Wartezeit auf Diagnostik oder Ergotherapie: was ihr tun könnt

Von · Veröffentlicht:

Die Wartezeit auf eine ADHS-Abklärung oder einen Platz in der Ergotherapie lässt sich selten abkürzen, aber gut nutzen: mit Notizen aus dem Alltag, einem Gespräch mit Kita oder Schule und kleinen Entlastungen für die ganze Familie. Behandeln musst du in dieser Zeit nichts, und Spiele ersetzen weder die Abklärung noch eine Therapie.

Was du sofort tun kannst

Viele Familien warten Monate auf einen Termin im sozialpädiatrischen Zentrum, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder auf einen freien Platz in einer Ergotherapiepraxis. Das ist zermürbend, gerade wenn es zu Hause oder in der Schule hakt. Trotzdem ist die Wartezeit keine verlorene Zeit.

  1. Melde dich an, sobald du eine Überweisung oder Verordnung hast. Warte nicht ab, ob es von allein besser wird.
  2. Frag bei der Anmeldung, ob du für kurzfristige Absagen angerufen werden kannst und ob es Fragebögen gibt, die du schon vorher ausfüllen kannst.
  3. Frag in der Kinderarztpraxis nach weiteren Stellen in der Nähe. Für eine vollständige ADHS-Abklärung kommen in Deutschland mehrere Stellen in Frage, von Kinderarztpraxen mit Erfahrung in ADHS bis zu sozialpädiatrischen Zentren (adhs.info).
  4. Schreib dir auf, wann du wo angefragt hast und wer dein Ansprechpartner war. Das spart Zeit, wenn du nachhaken musst.

Ist die Lage gerade sehr schwierig, etwa weil dein Kind stark leidet oder in der Schule kaum noch etwas geht, sag das der Kinderarztpraxis deutlich. Sie kann einschätzen, ob ihr schneller einen Termin braucht und wo es den gibt.

Wartezeit auf die ADHS-Diagnostik: Beobachtungen sammeln

Bei einer Abklärung fragen Fachleute genau nach: in welchen Situationen es schwierig wird, seit wann, und wie es zu Hause, in Kita oder Schule und in der Freizeit aussieht (AWMF-Leitlinie 2026). Die Wochen vor dem Termin sind eine gute Zeit, das aufzuschreiben, solange die Erinnerung frisch ist.

Kleine Szenen sind beim Notieren nützlicher als Urteile. Ein Beispiel: „Ist beim Abendessen dreimal aufgestanden“ sagt mehr als „war wieder schwierig“. Diese Fragen helfen beim Notieren:

  • Was ist passiert, und was ging direkt davor?
  • Wo war das: zu Hause, bei Freunden, beim Sport, in der Kita oder Schule?
  • Was klappt gut, und wobei bleibt dein Kind lange dabei?
  • Gab es Veränderungen wie einen Umzug, ein Geschwisterkind oder einen Schulwechsel?
  • Wie erlebt dein Kind selbst die Situation, und was sagt es dazu?

Leg Zeugnisse, Berichte aus der Kita und das gelbe Untersuchungsheft in eine Mappe. Frag in der Kinderarztpraxis auch, wann Sehen und Hören zuletzt geprüft wurden. Seh- oder Hörprobleme können für Unaufmerksamkeit gehalten werden (AWMF-Leitlinie 2026), und eine solche Untersuchung braucht oft keinen langen Vorlauf.

Mehr zu den ersten Schritten bei einem Verdacht steht im Artikel ADHS-Verdacht beim Kind.

Wartezeit auf Ergotherapie: den Alltag im Blick behalten

Ergotherapie gehört in Deutschland zu den Heilmitteln. Eine Ärztin oder ein Arzt verordnet sie, für Kinder und Jugendliche fallen dabei keine Zuzahlungen an (gesund.bund.de). Mit der Verordnung in der Hand beginnt dann oft die Suche nach einer Praxis mit freiem Platz. Frag dort auch, wie lange die Verordnung gültig ist, damit sie in der Wartezeit nicht verfällt.

Bis dahin musst du nichts vorwegnehmen und kein eigenes Programm aufstellen. Was eine Therapie enthält, legt die Praxis fest, wenn sie dein Kind kennengelernt hat. Der Alltag darf in der Zwischenzeit ganz normal weiterlaufen: Anziehen, Tisch decken, Schneiden, Kneten und Toben gehören dazu, auch wenn manches länger dauert. Plane dafür lieber etwas mehr Zeit ein, statt es selbst zu übernehmen.

Notiere ein paar Wochen lang, bei welchen Alltagsaufgaben dein Kind Hilfe braucht und welche es lieber meidet: der Knopf an der Jacke, der Stift, der immer wegrutscht, das Treppensteigen, das Fahrrad. Schreib auch auf, was gut klappt und was dein Kind gern macht. Daran kann die Praxis beim ersten Termin anknüpfen.

Was du zuhause beachten kannst, wenn die Therapie begonnen hat und die Praxis dir Übungen mitgibt, steht im Artikel Ergotherapie-Übungen für zuhause.

Kita und Schule ins Boot holen

Erzieherinnen und Lehrkräfte erleben dein Kind in Situationen, die du nicht siehst: im Morgenkreis, in Arbeitsphasen, in der Pause. Die Leitlinie sieht ausdrücklich vor, dass ihre Sicht in eine ADHS-Abklärung einfließt, wenn möglich auch mit schriftlichen Berichten (AWMF-Leitlinie 2026).

  • Bitte um ein ruhiges Gespräch und erzähl, dass ihr auf einen Termin wartet.
  • Frag nach Beobachtungen, nicht nach einer Einschätzung, ob es ADHS ist.
  • Frag, was in der Gruppe schon hilft, etwa ein ruhiger Sitzplatz oder Aufgaben in kleinen Schritten.
  • Vereinbart, wie ihr euch austauscht, zum Beispiel mit einem kurzen Heft oder einer Nachricht pro Woche.
  • Kläre, ob Kita oder Schule später einen Fragebogen oder Bericht ausfüllen würden.

Manches lässt sich auch ohne Diagnose ändern. Wie viel du erzählst, entscheidest du. Du kannst auch nur um Beobachtungen bitten, ohne ein Wort wie ADHS zu nennen.

Den Familienalltag entlasten

In der Wartezeit dreht sich schnell alles um das, was nicht klappt. Das kostet Kraft, bei dir und bei deinem Kind. Ein paar Dinge machen den Alltag berechenbarer, ohne dass du etwas behandeln musst:

  • Feste Abläufe am Morgen, am Nachmittag und am Abend, damit nicht jeder Tag neu verhandelt wird. Ideen dazu stehen im Artikel Tagesplan für Kinder.
  • Kurze, klare Ansagen, eine nach der anderen, statt einer langen Liste auf einmal.
  • Jeden Tag Zeit zum Toben, drinnen oder draußen.
  • Ein bewusst kleiner Plan für schwierige Zeiten, etwa die Hausaufgaben in mehreren Portionen.
  • Lob für Mühe und kleine Fortschritte, nicht nur für fertige Ergebnisse.

Geschwister bekommen in solchen Phasen oft weniger Aufmerksamkeit. Plane mit ihnen eigene kleine Zeiten ein und erklär ihnen, was los ist, so weit sie es verstehen.

Gemeinsam spielen, ohne zu therapieren

Spiele behandeln in der Wartezeit nichts. Sie ersetzen weder die Abklärung noch eine Therapie, und sie sagen nichts darüber, ob dein Kind ADHS hat. Was sie geben können, ist gemeinsame Zeit, in der es nicht um Probleme geht.

Es gibt dafür keinen Plan und kein Soll. Sucht euch ein Spiel aus, das dein Kind mag, und spielt es ein paar Minuten, zum Beispiel nach dem Abendessen oder an einem ruhigen Wochenendmorgen. Dein Kind darf die Regeln ändern, die Rollen tauschen oder ein Spiel nach zwei Runden beenden. Spielt, weil es euch Spaß macht, und nicht, um etwas zu erreichen.

Beim Form-Atmen fährt dein Kind mit dem Finger langsam eine Form nach und atmet dabei im Takt. Bei den Statuen-Posen haltet ihr einfache Posen ein paar ruhige Atemzüge lang. Der Überkreuz-Marsch bringt nach langem Sitzen Bewegung in den Tag. Beim Klatsch-Echo klatschst du einen Rhythmus vor, und dein Kind klatscht ihn nach. Und bei Gefühle raten spielt einer ein Gefühl ohne Worte vor, der andere rät.

Weitere Spiele findest du bei den Übungen für Ruhe und Gefühle. Hat dein Kind keine Lust, lass es ausfallen. Es ist ein Angebot und keine Hausaufgabe.

Für dich selbst sorgen

Warten ist anstrengend, besonders wenn jeden Tag etwas schiefgeht und du dich allein fühlst. Viele Eltern fragen sich in dieser Zeit, ob sie etwas falsch gemacht haben. Schuldgefühle bringen dich nicht weiter, ein verlässlicher Alltag und ein bisschen Unterstützung eher.

ADHS Deutschland e.V. bietet Gruppen vor Ort, Online-Gruppen und Telefonberatung. Frag dort nach, welches Angebot zu eurer Lage passt. Wenn du dich erschöpft fühlst, sprich das in der Kinderarztpraxis oder bei deiner Hausärztin an. Auch Erziehungsberatungsstellen in deiner Nähe sind eine Anlaufstelle für Eltern.

Wann du nicht auf den Termin warten solltest

Manche Lagen vertragen keine Wartezeit. Wende dich sofort an die Kinderarztpraxis, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • Dein Kind gefährdet sich selbst oder andere.
  • Dein Kind wirkt über Tage sehr verzweifelt oder spricht davon, nicht mehr leben zu wollen.
  • Dein Kind kann nicht mehr in die Kita oder Schule gehen.
  • Du hast das Gefühl, die Lage zu Hause nicht mehr zu schaffen.

Außerhalb der Sprechzeiten erreichst du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117. In einem Notfall wähl die 112.

Passende Übungen

Häufige Fragen

Wie lange dauert die Wartezeit auf eine ADHS-Diagnostik?

Das ist je nach Region und Stelle sehr unterschiedlich. Frag bei der Anmeldung nach und lass dich für kurzfristige Absagen vormerken. Die Kinderarztpraxis kennt oft weitere Stellen in der Nähe, die eine Abklärung übernehmen.

Darf ich mit meinem Kind schon vor der Ergotherapie üben?

Alltag ja, Therapie nein. Anziehen, Schneiden, Kneten und Toben dürfen ganz normal weiterlaufen. Ein gezieltes Übungsprogramm legt später die Praxis fest, die dein Kind kennt. Deine Notizen aus der Wartezeit helfen ihr dabei.

Muss mein Kind in der Wartezeit Übungen machen?

Nein. Die Wartezeit ist keine Prüfung, und niemand erwartet, dass ihr vorher etwas trainiert. Gemeinsame Spiele sind ein Angebot. Hat dein Kind keine Lust, lass es ausfallen.

Zum Weiterlesen

Quellen

  1. AWMF S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0 (2026)
  2. zentrales adhs-netz, adhs.info: Wie wird ADHS festgestellt?
  3. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit): Physiotherapie, Ergotherapie und andere Heilmittel für Kinder
  4. ADHS Deutschland e.V.: Beratung und Selbsthilfe für Familien

Dieser Artikel ist eine Hilfe für den Familienalltag. Er ersetzt keine Diagnose und keine ärztliche, psychotherapeutische oder ergotherapeutische Beratung. Mehr dazu