ADHS-Verdacht beim Kind: erste Schritte für Eltern
Bei einem Verdacht auf ADHS beim Kind ist der erste Schritt ein Gespräch in der Kinderarztpraxis, kein Test aus dem Internet. Bis zum Termin kannst du Beobachtungen aus dem Alltag sammeln, mit Kita oder Schule sprechen und dich so vorbereiten, dass die Fachleute ein klares Bild bekommen.
Verdacht auf ADHS beim Kind: was tun und was lassen
Vielleicht hat die Erzieherin eine Bemerkung gemacht. Vielleicht hast du einen Artikel gelesen und dein Kind darin wiedererkannt. Beides ist ein guter Grund, genauer hinzuschauen, aber noch kein Befund.
ADHS ist nicht selten. In einer großen Befragung des Robert Koch-Instituts gaben Eltern bei 4,4 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen an, dass ihr Kind schon einmal eine ADHS-Diagnose bekommen hat (RKI 2018). Unruhe und Ablenkbarkeit kommen bei Kindern aber sehr viel häufiger vor und haben viele mögliche Gründe. Die Leitlinie der Fachgesellschaften nennt unter anderem Schlafprobleme, Ängste, Lernstörungen sowie Seh- oder Hörprobleme, die ähnlich aussehen können (AWMF-Leitlinie 2026).
Deshalb steht hier keine Liste mit Anzeichen zum Abhaken. Ob eine ADHS vorliegt, können nur Fachleute nach einer gründlichen Abklärung sagen. Deine Aufgabe ist eine andere: gute Informationen sammeln und den Weg dorthin anstoßen. Online-Tests, die nach fünf Minuten ein Ergebnis ausspucken, kannst du dir sparen.
Beobachtungen sammeln, ohne selbst zu diagnostizieren
Bei einer Abklärung fragen Fachleute genau nach: in welchen Situationen es schwierig wird, seit wann, und wie es zu Hause, in Kita oder Schule und in der Freizeit aussieht (AWMF-Leitlinie 2026). Wer vorher Notizen gemacht hat, muss im Gespräch weniger aus dem Gedächtnis kramen.
Schreib zwei bis drei Wochen lang kurz auf, was dir auffällt. Kleine Szenen helfen mehr als Urteile: „Ist beim Abendessen dreimal aufgestanden“ sagt mehr als „war wieder unmöglich“. Diese Fragen helfen beim Notieren:
- Was ist passiert, und was ging direkt davor?
- Wo war das: zu Hause, bei den Großeltern, beim Sport, in der Kita?
- Was klappt gut, und wobei bleibt dein Kind lange dabei?
- Seit wann beschäftigt dich das Thema, und gab es Veränderungen wie einen Umzug, ein Geschwisterkind oder einen Schulwechsel?
- Wie geht es deinem Kind selbst damit, und was sagt es dazu?
Leg auch das gelbe Untersuchungsheft, Zeugnisse und Berichte aus der Kita bereit. Wenn dich vor allem die Konzentration bei den Hausaufgaben beschäftigt, findest du im Artikel Kind kann sich nicht konzentrieren Ideen, was du schon jetzt am Alltag ändern kannst.
Mit Kita oder Schule sprechen
Erzieherinnen und Lehrkräfte erleben dein Kind in einer Gruppe, mit Regeln und Aufgaben, die es zu Hause so nicht gibt. Die Leitlinie sieht ausdrücklich vor, dass ihre Sicht in die Abklärung einfließt, wenn möglich auch mit schriftlichen Berichten und Zeugnissen (AWMF-Leitlinie 2026).
Bitte um ein ruhiges Gespräch und nicht um zwei Minuten an der Tür. Frag nach Beobachtungen, nicht nach einer Einschätzung, ob es ADHS ist. Das können und sollen Lehrkräfte nicht entscheiden.
- Erzähl kurz, was dir zu Hause auffällt, und frag, ob sie Ähnliches erleben.
- Frag nach konkreten Situationen: Morgenkreis, Arbeitsphasen, Pausen, Wechsel von einer Aufgabe zur nächsten.
- Frag auch, was gut läuft und was in der Gruppe schon klappt.
- Kläre, ob Kita oder Schule später einen Fragebogen oder kurzen Bericht für die Kinderarztpraxis ausfüllen würden.
Wie viel du erzählst, entscheidest du. Du kannst auch nur um Beobachtungen bitten, ohne das Wort ADHS zu nennen.
Den Termin in der Kinderarztpraxis vorbereiten
Der erste Weg führt in die Kinderarztpraxis. Sag schon bei der Terminvereinbarung, dass du über Aufmerksamkeit und Unruhe sprechen möchtest. Dann kann die Praxis genug Zeit einplanen.
- Nimm deine Notizen und die Unterlagen aus Kita oder Schule mit.
- Schreib vorher die Fragen auf, die dir am wichtigsten sind, damit sie im Gespräch nicht untergehen.
- Frag, wann Sehen und Hören zuletzt geprüft wurden. Seh- oder Hörprobleme können für Unaufmerksamkeit gehalten werden (AWMF-Leitlinie 2026).
- Überleg mit deinem Kind vorher, was es selbst erzählen möchte.
- Frag zum Schluss, wie es weitergeht: Wer klärt ab, brauchst du eine Überweisung, und wie lange sind die Wartezeiten?
Kinderärztinnen und Kinderärzte mit Erfahrung in ADHS können die Abklärung laut Leitlinie selbst übernehmen (AWMF-Leitlinie 2026). Andere überweisen dich an eine Stelle, die darauf spezialisiert ist. Beides ist ein normaler Weg.
Was bei einer ADHS-Abklärung passiert
Eine Abklärung ist kein einzelner Test. Sie verteilt sich meist auf mehrere Termine (adhs.info). Die S3-Leitlinie der Fachgesellschaften liegt seit 2026 in einer überarbeiteten Fassung vor und beschreibt, worauf die Diagnose bei Kindern beruhen soll (AWMF-Leitlinie 2026):
- ausführliche Gespräche mit dir und deinem Kind über den Alltag, die Entwicklung und die Familie
- Berichte aus Kita oder Schule, oft ergänzt durch Fragebögen für Eltern und Lehrkräfte
- die Beobachtung deines Kindes in der Praxis, wobei sich ADHS dort nicht zeigen muss
- eine körperliche und neurologische Untersuchung, bei Schulkindern auch Tests zu Denken und Lernen, bei Vorschulkindern eine Entwicklungsprüfung
Laborwerte oder ein EEG können eine ADHS laut Leitlinie nicht feststellen, und Tests allein reichen weder für eine Diagnose noch für einen Ausschluss. Auch das Alter zählt: Vor dem dritten Geburtstag soll keine Diagnose gestellt werden, bei Vorschulkindern in der Regel nur, wenn die Auffälligkeiten sehr stark sind. Die Fachleute prüfen außerdem, ob etwas anderes hinter dem Verhalten steckt oder zusätzlich dazukommt.
Am Ende steht ein Gespräch über das Ergebnis. Kommt eine Diagnose heraus, sollen die Fachleute laut Leitlinie euch ausführlich informieren und alle weiteren Entscheidungen gemeinsam mit euch treffen. Welche Unterstützung zu deinem Kind passt, klärst du also dort im Gespräch und nicht vorher allein.
Sozialpädiatrisches Zentrum, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Wartezeiten
Eine vollständige Abklärung können in Deutschland mehrere Stellen übernehmen (adhs.info):
- Kinderarztpraxen mit Erfahrung in ADHS
- sozialpädiatrische Zentren (SPZ), die oft an eine Kinderklinik angebunden sind
- Praxen und Klinikambulanzen für Kinder- und Jugendpsychiatrie
- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten, wobei die körperliche Untersuchung dann zusätzlich ärztlich erfolgt
Bei vielen dieser Stellen musst du mit Wartezeit rechnen. Das ist ärgerlich, aber kein Grund, die Anmeldung aufzuschieben. Melde dich, sobald du eine Überweisung hast, und frag, ob du bei kurzfristigen Absagen angerufen werden kannst.
Wenn es zu Hause oder in der Schule gerade sehr schwierig ist, sag das der Kinderarztpraxis offen. Regionale ADHS-Netzwerke mit Ansprechpartnern nach Bundesland findest du über das Infoportal adhs.info des zentralen adhs-netzes.
Was ihr in der Wartezeit gemeinsam machen könnt
In den Wochen bis zum Termin dreht sich schnell alles um Auffälligkeiten. Plane deshalb bewusst kleine Momente ein, in denen es um etwas anderes geht. Die Spiele hier behandeln nichts. Sie ersetzen weder die Abklärung noch eine Therapie, und sie sagen nichts darüber, ob dein Kind ADHS hat. Sie sind gemeinsame Zeit.
Beim Form-Atmen fährt dein Kind mit dem Finger langsam eine Form nach und atmet dabei im Takt, du machst mit. Bei den Statuen-Posen haltet ihr einfache Posen und zählt dabei ein paar ruhige Atemzüge. Bei Gefühle raten spielt einer ein Gefühl ohne Worte vor, der andere rät. Dabei darf gelacht werden, und manchmal ergibt sich ein Gespräch darüber, wie sich Wut oder Aufregung anfühlen.
Weitere Spiele findest du bei den Übungen für Ruhe und Gefühle. Hat dein Kind keine Lust, lass es ausfallen. Es ist ein Angebot und keine Hausaufgabe.
Mit deinem Kind, den Geschwistern und dir selbst gut umgehen
Kinder merken, wenn Erwachsene sich Sorgen machen. Erklär deinem Kind in einfachen Worten, warum ihr zur Ärztin oder zum Arzt geht: Ihr wollt verstehen, warum manches so anstrengend ist. Seine eigene Sicht zählt dabei, denn laut Leitlinie soll auch das Erleben des Kindes in die Abklärung einfließen (AWMF-Leitlinie 2026).
Geschwister bekommen in solchen Phasen oft weniger Aufmerksamkeit. Plane mit ihnen eigene kleine Zeiten ein und erklär auch ihnen, was los ist, so weit sie es verstehen. Wundere dich nicht, wenn die Fachleute nach Eltern und Geschwistern fragen. Das sieht die Leitlinie so vor.
Und du selbst? Viele Eltern fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben. Eine eindeutige Erklärung für die Entstehung von ADHS gibt es bis heute nicht. Das Umfeld in Familie und Schule ist nicht die alleinige Ursache, kann aber mitbestimmen, wie stark die Schwierigkeiten werden (adhs.info). Mit Schuldgefühlen kommst du also nicht weiter, mit einem verlässlichen Alltag eher.
Du musst das nicht allein tragen. ADHS Deutschland e.V. ist der größte ADHS-Selbsthilfeverband in Deutschland, mit Gruppen vor Ort, Online-Gruppen und Telefonberatung. Die Leitlinie rät Fachleuten, Familien auf solche Angebote hinzuweisen. Wenn du dich erschöpft fühlst, sprich auch das in der Kinderarztpraxis oder bei deiner Hausärztin an.
Passende Übungen
Häufige Fragen
Kann ich ADHS bei meinem Kind selbst testen?
Nein. Online-Tests und Checklisten können keine Diagnose ersetzen. Laut Leitlinie beruht die Diagnose auf Gesprächen, Berichten aus mehreren Lebensbereichen und einer körperlichen Untersuchung. Deine Beobachtungen sind dafür wichtig, die Einordnung ist Aufgabe von Fachleuten.
Ab welchem Alter kann man ADHS feststellen?
Laut der aktuellen Leitlinie soll vor dem dritten Geburtstag keine Diagnose gestellt werden. Bei Drei- bis Vierjährigen lässt sie sich meist nicht sicher stellen, bei Vorschulkindern in der Regel nur bei sehr starker Ausprägung. Wenn dich etwas beschäftigt, sprich trotzdem früh mit der Kinderarztpraxis.
Muss ich der Schule sagen, dass wir ADHS abklären lassen?
Nein, das entscheidest du. Für die Abklärung ist die Sicht der Lehrkräfte aber wichtig, und oft brauchen die Fachleute einen Bericht oder Fragebogen aus der Schule. Du kannst auch nur um Beobachtungen bitten, ohne das Wort ADHS zu nennen.
Zum Weiterlesen
Quellen
- AWMF S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0 (2026)
- Robert Koch-Institut (2018): ADHS bei Kindern und Jugendlichen, KiGGS Welle 2, Journal of Health Monitoring
- zentrales adhs-netz, adhs.info: Wie wird ADHS festgestellt?
- zentrales adhs-netz, adhs.info: ADHS, was ist das?
- ADHS Deutschland e.V., Selbsthilfe für Menschen mit ADHS und ihre Familien