Impulskontrolle bei Kindern spielerisch üben

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Impulskontrolle ist die Fähigkeit, einen ersten Drang kurz zu bremsen, bevor man handelt: warten, nicht dazwischenrufen, nicht sofort zurückhauen. Sie reift bei Kindern über viele Jahre, und mit kurzen Übungen wie Stopp- und Gegenteil-Spielen könnt ihr sie zuhause spielerisch üben.

Was Impulskontrolle ist und wie sie mit dem Alter reift

Die Entwicklungspsychologin Adele Diamond beschreibt Selbstkontrolle so: Versuchungen widerstehen und nicht impulsiv handeln. Zusammen mit dem Arbeitsgedächtnis und dem flexiblen Umdenken gehört sie zu den exekutiven Funktionen, also den Fähigkeiten, mit denen wir unser Handeln steuern (Diamond 2013).

Diamond bringt es auf einen Satz, den viele Eltern sofort wiedererkennen: Impulsive Fehler sind Fehler, bei denen man nicht warten kann. Das Kind ruft die Antwort, bevor die Frage fertig ist. Es greift nach dem Spielzeug der Schwester. Es haut zurück, bevor es nachgedacht hat.

Diese Bremse reift langsam. Sie wächst durch die ganze Kindheit und entwickelt sich im Jugendalter noch weiter (Diamond 2013). Ein Kindergartenkind, das an der Kasse nach den Süßigkeiten greift, verhält sich also seinem Alter entsprechend. Wer von einem Sechsjährigen die Geduld eines Erwachsenen erwartet, wird oft enttäuscht, und das Kind spürt diese Enttäuschung.

Auch der Tag spielt mit. Laut Diamond leiden die exekutiven Funktionen als Erstes und am stärksten, wenn jemand gestresst, traurig, einsam, übermüdet oder körperlich nicht fit ist. Wenn dein Kind abends schneller ausrastet als am Morgen, passt das genau zu diesem Befund.

Warum Schimpfen wenig bringt

Wenn ein Kind dazwischenruft, schubst oder etwas umwirft, ist Schimpfen die schnellste Reaktion. Am nächsten Mal ändert es meist wenig. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit schreibt dazu: Wer sein Kind beschimpft, reagiert sich vor allem selbst ab, und das Kind lernt dadurch nicht, es besser zu machen (BIÖG).

Dazu kommt der Stress. Wenn Stress die Bremse schwächt, macht ein lautes Donnerwetter es deinem Kind im Moment eher schwerer, sich zu fangen. Das heißt nicht, dass alles erlaubt ist. Die Grenze bleibt, nur Ton und Zeitpunkt ändern sich.

Das BIÖG rät außerdem, das Verhalten zu kritisieren und nicht die Person. Also „Du hast ihm das Auto weggenommen. Gib es bitte zurück.“ statt „Du bist unmöglich.“ Geübt wird ohnehin nicht im Streit, sondern in ruhigen Momenten, am leichtesten im Spiel.

Stopp-Spiele und Gegenteil-Spiele: was Studien zeigen

In Stopp-Spielen muss dein Kind eine Bewegung mitten im Lauf anhalten. In Gegenteil-Spielen muss es die naheliegende Antwort unterdrücken und eine andere geben. Beides übt genau den Moment, in dem man den ersten Impuls abfängt.

Eine Übersicht über Programme für Kinder von vier bis zwölf Jahren fand bei sehr verschiedenen Ansätzen, von Spielen über Sport bis zu Kita-Programmen, zwei Gemeinsamkeiten: Es wurde regelmäßig geübt, und die Aufgaben wurden immer wieder schwerer. Kinder, die am Anfang die größten Schwierigkeiten hatten, legten am meisten zu (Diamond & Lee 2011).

Zu einem Programm mit Kreis-, Musik- und Bewegungsspielen für Vorschulkinder, darunter eine Variante von Rot heißt Stopp, gibt es mehrere Studien. Die Lage ist gemischt:

  • In den USA zeigte sich nach acht Wochen ein Effekt auf die Selbstregulation (Schmitt et al. 2015).
  • Eine spätere Studie fand für die ganze Gruppe nur einen Trend, der statistisch nicht eindeutig war. Messbar waren die Fortschritte bei Kindern, die mit wenig Selbstregulation gestartet waren (McClelland et al. 2019).
  • In Kenia zeigte dasselbe Programm keinen Effekt (Willoughby et al. 2021).

Eine kritische Übersicht dämpft zu große Erwartungen. Menschen werden besser in dem, was sie üben. Auf andere Fähigkeiten überträgt sich das nur eng (Diamond & Ling 2016). Wer also jeden Tag Simon sagt spielt, wird darin besser. Ob dein Kind deshalb im Supermarkt weniger quengelt, sagt keine dieser Studien.

Für dich heißt das: Stopp- und Gegenteil-Spiele sind gemeinsame Zeit, in der dein Kind Bremsen übt, und sie machen den meisten Kindern Spaß. Sie ersetzen keine Therapie und auch nicht deine Begleitung im Alltag.

Impulskontrolle bei Kindern: Übungen und Spiele für zuhause

Diese Spiele brauchen kaum Material und dauern nur wenige Minuten. Fang mit einem an, das zum Alter und zur Laune deines Kindes passt.

Bei Simon sagt macht dein Kind nur mit, wenn der Satz mit „Simon sagt“ beginnt. Bei „Hände hoch!“ ohne Simon bleiben die Hände unten. Den starken Drang, trotzdem mitzumachen, muss dein Kind abfangen.

Bei Rot heißt Stopp läuft dein Kind bei „grün“ los und erstarrt bei „rot“ wie eine Statue. Ein Flur reicht als Spielfeld. Weil es nur zwei Signale gibt, klappt das schon mit Dreijährigen.

Beim Gegenteil-Spiel macht dein Kind immer das Gegenteil von dem, was du sagst. Du sagst „aufstehen“, es setzt sich hin. Du sagst „laut“, es flüstert.

Bei Falsche Farbe rufst du eine Farbe, und dein Kind zeigt nicht diese, sondern die andere Farbe, die dazugehört. Dafür gibt es ein Blatt zum Ausdrucken. Für Jüngere passt Farben tippen: Eine Farbe wird gerufen, und dein Kind tippt mit der richtigen Hand darauf.

Bei den Statuen-Posen hält dein Kind eine einfache Pose fünf ruhige Atemzüge lang. Stillhalten ist für viele Kinder die schwerste Form von Bremsen, deshalb eignet sich das gut als Abschluss.

Weitere Spiele, bei denen Aufpassen und Bremsen zusammenkommen, findest du bei den Konzentrationsübungen für Kinder. Wenn dein Kind auch beim Lernen schnell abschweift, lies auch Kind kann sich nicht konzentrieren: was du heute tun kannst.

So machst du die Spiele langsam schwerer

Ein Spiel, das dein Kind sicher beherrscht, fordert die Bremse kaum noch. In mehreren Studien zu Merkspielen am Computer machten Kinder, die dieselben Spiele ohne steigende Schwierigkeit spielten, nicht dieselben Fortschritte (Diamond & Lee 2011). Auch das Vorschulprogramm mit den Stopp-Spielen wird Stufe für Stufe komplexer, zum Beispiel indem die Kinder auf ein Signal mit dem Gegenteil reagieren sollen (McClelland et al. 2019).

  1. Langsam anfangen: Bei Rot heißt Stopp ein lang gezogenes „Roooot“ rufen, damit dein Kind Zeit zum Bremsen hat.
  2. Tempo erhöhen: Kommandos schneller geben und die Pausen dazwischen unregelmäßig machen.
  3. Locken: Bei Simon sagt die Bewegung selbst vormachen, auch wenn Simon nichts gesagt hat.
  4. Regel umdrehen: Jetzt heißt grün stehen bleiben und rot loslaufen. Erst wenn das klappt, die Regel mitten im Spiel wechseln.
  5. Rollen tauschen: Dein Kind gibt die Kommandos und achtet darauf, ob du richtig reagierst.

Geh erst eine Stufe weiter, wenn die alte meistens klappt. Wird es zu schwer, geh ohne Kommentar einen Schritt zurück. Beende das Spiel mit einer Runde, die sicher gelingt, und hör auf, solange es noch Spaß macht.

Warten, Unterbrechen, Wut: Sätze für den Alltag

Im Spiel kündigt sich das Bremsen an. Im Alltag kommen die Impulse ohne Vorwarnung. Ein paar Sätze, die du dir vorher zurechtlegst, machen es dir leichter, ruhig zu bleiben.

Beim Warten: Diamond beschreibt, dass schon kleine Kinder Aufgaben besser lösen, wenn man ihnen hilft, kurz zu warten. Erwachsene machen es sich beim Verzicht leichter, indem sie Versuchungen aus dem Blickfeld räumen (Diamond 2013). Das kannst du für dein Kind übernehmen: Die Kekse wandern in den Schrank, das Tablet in die Schublade.

  • „Du möchtest es am liebsten sofort. Wir zählen zusammen bis zehn, dann bist du dran.“
  • „Anschauen darfst du es. Anfassen erst nach dem Bezahlen.“
  • „Erst die Schuhe, dann der Spielplatz.“

Beim Unterbrechen: Ein Kind, das dir etwas erzählen will, möchte es loswerden, bevor es weg ist. Ein festes Zeichen nimmt den Druck. Dein Kind legt seine Hand auf deinen Arm, du legst deine Hand darauf, und es weiß: Ich bin gleich dran.

  • „Leg deine Hand auf meinen Arm. Sobald ich fertig bin, höre ich dir zu.“
  • „Danke, dass du gewartet hast. Jetzt erzähl.“

Bei Wut: Wenn dein Kind schon hochkocht, ist kein guter Moment für Erklärungen. Das BIÖG rät, gelassen zu bleiben, sich nicht anstecken zu lassen, Gefühle anzuerkennen und heftigen Ausbrüchen trotzdem Grenzen zu setzen (BIÖG).

  • „Du bist richtig wütend. Hauen ist nicht okay. Ich bleibe bei dir, bis du ruhiger bist.“
  • „Komm, wir atmen zusammen. Ich fange an.“
  • Später, wenn alle ruhig sind: „Was hat dich vorhin so wütend gemacht? Was kannst du nächstes Mal tun?“

Wann du dir Hilfe holen solltest

Fast jedes Kind ruft mal dazwischen, schubst oder hat einen Wutanfall. Das allein ist kein Grund zur Sorge. Sprich mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, wenn einer dieser Punkte auf dein Kind zutrifft:

  • Die Schwierigkeiten bestehen seit vielen Monaten und zeigen sich zu Hause und in Kita oder Schule.
  • Dein Kind bringt sich durch unüberlegtes Handeln immer wieder in Gefahr, etwa im Straßenverkehr.
  • Es verliert Freundschaften oder leidet selbst unter seinen Ausbrüchen.
  • Du machst dir Sorgen, auch wenn du sie nicht genau benennen kannst.

Die Kinderarztpraxis kann an ein sozialpädiatrisches Zentrum oder eine Fachpraxis überweisen. Wie ADHS in Deutschland abgeklärt wird, beschreibt die ärztliche Leitlinie (AWMF S3-Leitlinie ADHS). Informationen und Selbsthilfegruppen für Eltern bietet ADHS Deutschland e.V..

Eine Checkliste zur Selbstdiagnose findest du hier bewusst nicht. Impulsives Verhalten hat viele mögliche Gründe, von Müdigkeit über Überforderung bis zu Sorgen, die ein Kind nicht in Worte fassen kann. Die Spiele in diesem Artikel sind Training und gemeinsame Zeit, keine Behandlung.

Passende Übungen

Häufige Fragen

Ab welchem Alter können Kinder ihre Impulse kontrollieren?

Kleine Kinder können schon kurz warten, wenn die Aufgabe einfach ist. Die Fähigkeit wächst aber über die ganze Kindheit und reift bis ins Jugendalter weiter (Diamond 2013). Ein festes Alter, ab dem ein Kind sich beherrschen muss, gibt es nicht. Vergleiche dein Kind lieber mit sich selbst vor ein paar Monaten.

Ist fehlende Impulskontrolle ein Zeichen für ADHS?

Nicht automatisch. Viele Kinder handeln oft impulsiv, gerade wenn sie müde, hungrig oder aufgeregt sind. Ob eine ADHS dahintersteckt, kann nur eine Fachperson nach einer gründlichen Abklärung sagen. Wenn du unsicher bist, ist die Kinderarztpraxis die erste Anlaufstelle.

Welche Spiele zur Impulskontrolle passen für Kinder ab 3?

Für die Jüngsten eignet sich Rot heißt Stopp, weil es nur zwei Signale gibt und viel Bewegung dabei ist. Ab etwa vier Jahren kommen Simon sagt und Farben tippen dazu, ab fünf das Gegenteil-Spiel und Falsche Farbe. Das sind Richtwerte. Dein Kind zeigt dir, was passt.

Wie oft sollten wir die Übungen machen?

Lieber kurz und regelmäßig als selten und lang. Ein bis zwei Spiele am Tag mit wenigen Minuten reichen. Das Vorschulprogramm aus den Studien lief acht Wochen lang mit zwei Einheiten pro Woche, allerdings in Kita-Gruppen (McClelland et al. 2019).

Zum Weiterlesen

Quellen

  1. Diamond (2013): Executive Functions, Annual Review of Psychology
  2. Diamond & Lee (2011): Interventions shown to aid executive function development in children 4 to 12 years old, Science
  3. Diamond & Ling (2016): kritische Übersicht zu Programmen für exekutive Funktionen, Developmental Cognitive Neuroscience
  4. Schmitt et al. (2015): Stopp-Spiele bei Vorschulkindern, Early Childhood Research Quarterly
  5. McClelland et al. (2019): Red Light, Purple Light, Spielprogramm für Vorschulkinder, Frontiers in Psychology
  6. Willoughby et al. (2021): dasselbe Spielprogramm in Kenia, Frontiers in Psychology
  7. BIÖG: Kinder gut erziehen, kindergesundheit-info.de
  8. BIÖG: Mit Gefühlen zurechtkommen, kindergesundheit-info.de
  9. AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (2018)

Dieser Artikel ist eine Hilfe für den Familienalltag. Er ersetzt keine Diagnose und keine ärztliche, psychotherapeutische oder ergotherapeutische Beratung. Mehr dazu

Zusammengestellt von Sandor Farkas · Quellen und Herkunft