Exekutive Funktionen bei Kindern einfach erklärt
Exekutive Funktionen sind die Fähigkeiten, mit denen Kinder ihr Denken und Handeln steuern: sich etwas merken und damit arbeiten, einen Impuls bremsen und umdenken, wenn sich etwas ändert. Sie reifen bis ins junge Erwachsenenalter. Hier findest du Spiele und kleine Gewohnheiten rund um diese drei Fähigkeiten und dazu, was Studien zeigen und was nicht.
Was exekutive Funktionen sind: die Fluglotsen im Kopf
Der Begriff klingt nach Amtsdeutsch, beschreibt aber etwas sehr Alltägliches. Exekutive Funktionen sind die Fähigkeiten, mit denen wir unser eigenes Denken und Handeln steuern. Das Center on the Developing Child der Harvard University vergleicht sie mit der Flugsicherung an einem großen Flughafen: Viele Maschinen wollen gleichzeitig starten und landen, und jemand muss den Überblick behalten (Harvard Center on the Developing Child).
Fachleute sind sich weitgehend einig, dass es drei Kernfunktionen gibt: das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition, also das Bremsen von Impulsen und Ablenkungen, und die kognitive Flexibilität. Auf ihnen bauen Planen, Problemlösen und logisches Denken auf (Diamond 2013).
Für Kinder lässt es sich so erklären: Das Arbeitsgedächtnis ist der Merkzettel im Kopf. Die Bremse hält dich auf, bevor du etwas tust, das du gleich bereust. Und die Flexibilität ist der Schalter, mit dem du umdenkst, wenn sich die Regeln ändern.
Die drei Kernfunktionen im Familienalltag
Im Alltag zeigen sich die drei ständig, oft alle auf einmal. Ein paar Szenen, die du vielleicht kennst:
- Merkzettel: Dein Kind soll Zahnbürste, Schlafanzug und Kuscheltier holen und kommt nur mit dem Kuscheltier zurück.
- Bremse: Der Turm des kleinen Bruders wackelt so verlockend. Manchmal ist die Hand schneller als der Gedanke.
- Schalter: Heute sind die Nudeln aus, es gibt Reis. Für manche Kinder ist das eine Kleinigkeit, für andere bricht gerade eine Welt zusammen.
Die drei hängen eng zusammen. Wer umdenken will, muss die alte Sichtweise bremsen und die neue im Kopf behalten. Deshalb baut die Flexibilität auf den beiden anderen auf und kommt in der Entwicklung später (Diamond 2013).
Wie die Fähigkeiten mit dem Alter reifen
Kein Kind kommt mit fertigen exekutiven Funktionen auf die Welt, wohl aber mit dem Potenzial dafür. Die Entwicklung ist langsam, beginnt im Babyalter, reicht bis ins junge Erwachsenenalter und wird von Erfahrungen geprägt (Harvard Center on the Developing Child).
Am Umdenken sieht man das gut. In einem bekannten Test sortieren Kinder Karten erst nach Farbe, dann nach Form. Dreijährige sortieren nach der Ansage einfach weiter nach Farbe, obwohl sie dir die neue Regel sagen können. Mit viereinhalb bis fünf Jahren schaffen die meisten diesen einen Wechsel. Von Runde zu Runde flexibel zwischen zwei Regeln hin- und herzuspringen, gelingt erst mit etwa sieben bis neun Jahren (Diamond 2013).
Diamond beschreibt außerdem, dass das Wechseln zwischen zwei Aufgaben sich über die ganze Kindheit weiterentwickelt (Diamond 2013).
Ein Beispiel: Wird dein Fünfjähriges bei einer kurzfristigen Planänderung laut, kann dahinter schlicht ein Schalter stecken, der noch im Aufbau ist. Das macht die Situation nicht leichter, aber vielleicht etwas weniger persönlich.
Kognitive Flexibilität: Spiele mit Regelwechsel
Gemeint ist die Fähigkeit, die Richtung zu wechseln, wenn sich Anforderungen, Regeln oder Blickwinkel ändern (Harvard Center on the Developing Child). Diamond zählt dazu auch, eine Sache aus der Sicht eines anderen zu sehen, einen neuen Lösungsweg zu suchen, wenn der erste nicht klappt, und zuzugeben, dass man sich geirrt hat (Diamond 2013).
Übungen zur kognitiven Flexibilität bei Kindern sind hier Spiele mit einem einfachen Aufbau: Eine Regel sitzt, dann kommt eine andere. So läuft das in diesen Spielen ab:
Bei Falsche Farbe rufst du eine Farbe, und dein Kind zeigt nicht diese, sondern die Farbe, die laut Karte dazugehört. Die naheliegende Antwort muss weg, die neue Regel her. Dafür gibt es ein Blatt zum Ausdrucken.
Beim Gegenteil-Spiel macht dein Kind immer das Gegenteil von dem, was du sagst. Vorher legt ihr gemeinsam ein paar Gegensatzpaare fest, etwa sitzen und stehen oder laut und leise.
Bei der Aktions-Spirale steht jede Farbe für eine Bewegung wie Klatschen oder Stampfen, und dein Kind arbeitet eine Spirale aus bunten Kreisen von außen nach innen ab. Sitzt das, tauscht ihr mitten in der Runde zwei Bewegungen. Die Farbe fürs Klatschen heißt jetzt plötzlich Stampfen.
- Sortieren mit Regelwechsel: Knöpfe, Socken oder Bausteine erst nach Farbe sortieren, dann sofort nach Form oder Größe. Der Harvard-Leitfaden für Drei- bis Fünfjährige nennt genau das als Übung für die Flexibilität (Harvard, 3 bis 5 Jahre).
- Dinge umdeuten: Die Küchenrolle wird zum Fernrohr, der Kochlöffel zum Mikrofon. Auch das zählt der Leitfaden zu den Übungen fürs Umdenken.
- Kartenspiele: Bei Uno oder Mau-Mau darf man auf gleiche Farbe oder gleiche Zahl legen, also ständig zwischen zwei Möglichkeiten wechseln. Der Leitfaden für Fünf- bis Siebenjährige nennt solche Spiele für die Flexibilität (Harvard, 5 bis 7 Jahre).
- Regel raten: Du sortierst Bausteine nach einer geheimen Regel, dein Kind rät sie. Danach denkt es sich selbst eine aus, und du rätst.
Fang mit einer festen Regel an und wechsle erst, wenn sie sicher sitzt. Der Wechsel ist die eigentliche Übung, und er ist für kleine Kinder schwer. Über Fehler wird gelacht, auch über deine. Weitere Denkspiele findest du bei Logik und Denken.
Inhibition: erst bremsen, dann handeln
Inhibition heißt, einen Drang oder eine Ablenkung kurz zu stoppen, bevor man handelt. Typische Spiele dafür sind Stopp- und Gegenteil-Spiele wie Simon sagt. Was Studien dazu zeigen und wie ihr solche Spiele steigert, steht ausführlich im Artikel Impulskontrolle bei Kindern spielerisch üben.
Arbeitsgedächtnis: der Merkzettel im Kopf
Das Arbeitsgedächtnis hält ein paar Dinge kurz fest, damit dein Kind damit arbeiten kann. Bei Farben verbinden kommt Planen dazu: Dein Kind merkt sich Verbindungen zwischen Punkten und legt sie auf dem leeren Feld nach. Weitere Merkspiele wie die Auftragskette und Hilfen für den Alltag findest du im Artikel Arbeitsgedächtnis bei Kindern.
Exekutive Funktionen bei Kindern fördern: was Studien zeigen
Eine Übersichtsarbeit über Programme für Kinder von vier bis zwölf Jahren beschreibt Fortschritte bei sehr verschiedenen Ansätzen: Spiele mit und ohne Computer, Kampfkunst, Yoga, Achtsamkeit und Programme in Kita und Schule. Gemeinsam war ihnen, dass regelmäßig geübt wurde und die Anforderungen immer weiter stiegen. Kinder, die mit den größten Schwierigkeiten gestartet waren, legten am meisten zu (Diamond & Lee 2011).
Die Autorinnen schreiben außerdem, dass es wohl nicht reicht, nur diese Fähigkeiten zu trainieren. Die Schulprogramme mit Fortschritten kümmerten sich auch um Gefühle und Miteinander (Diamond & Lee 2011).
Genauso wichtig sind die Grenzen. Eine kritische Übersicht zeigt: Wer etwas übt, wird darin besser, aber die Verbesserung überträgt sich nur eng auf ähnliche Aufgaben. Ein Training fürs Merken macht nicht automatisch geduldiger oder flexibler (Diamond & Ling 2016). Auch der Harvard-Leitfaden mit Spielen für jedes Alter sagt offen, dass noch nicht alle seine Vorschläge in Studien geprüft sind.
Die Spiele hier sind keine solchen Programme und wurden nicht in Studien untersucht. Spielt sie, weil sie Spaß machen und gemeinsame Zeit sind. Dass sich dadurch etwas außerhalb des Spiels ändert, etwa beim Anziehen am Morgen, versprechen wir nicht, und keine Studie kann es versprechen.
Im Alltag: Routinen, Planen lassen, Fehler zulassen
Die meisten Übungsgelegenheiten liegen nicht im Spiel, sondern zwischen Frühstück und Zähneputzen. Vier Gewohnheiten schaffen Raum dafür, ohne Extraprogramm:
- Routinen nutzen: Diamond beschreibt, wie viel leichter es ist, auf Autopilot weiterzumachen, als jedes Mal neu zu überlegen (Diamond 2013). Ein Beispiel: Was jeden Morgen gleich abläuft, muss niemand neu planen, und ihr habt mehr Zeit für das, was heute anders ist.
- Planen lassen: Dein Kind sagt oder malt vor dem Spielen, was es vorhat. Im Vorschulprogramm Tools of the Mind zeichnen Kinder solche Spielpläne, damit sie erst denken und dann handeln (Harvard, 3 bis 5 Jahre).
- Fehler zulassen: Der Harvard-Leitfaden beschreibt die Rolle der Erwachsenen so: erst bei schwierigen Aufgaben helfen, dann Schritt für Schritt zurücktreten, damit Kinder es selbst schaffen und aus Fehlern lernen (Harvard Center on the Developing Child).
- Umdenken vorleben: Sag laut, wenn du selbst umplanst. „Der Bus ist weg. Dann gehen wir zu Fuß und nehmen den Weg am Spielplatz vorbei.“
Wann du dir Hilfe holen solltest
Kinder unterscheiden sich stark darin, wie schnell diese Fähigkeiten wachsen. Einen Test für zuhause, der das verlässlich einordnet, gibt es nicht, und eine Liste zum Selbsttest findest du hier bewusst nicht.
Sprich mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, wenn dich etwas über längere Zeit beschäftigt oder dein Kind selbst darunter leidet. Die Praxis kann bei Bedarf an ein sozialpädiatrisches Zentrum überweisen. Wenn du an ADHS denkst, lies ADHS-Verdacht beim Kind: erste Schritte für Eltern.
Passende Übungen
- 8Falsche FarbeEine Farbe wird gerufen, dein Kind zeigt die andere Farbe dazu.
- 24Das Gegenteil-SpielGanze Anleitung in der SpielemappeDein Kind macht immer genau das Gegenteil von dem, was du sagst.
- 9Aktions-SpiraleJede Farbe steht für eine Bewegung. Die Spirale von außen nach innen abarbeiten.
- 18Farben verbindenGanze Anleitung in der SpielemappeVerbindungen zwischen Punkten merken und auf dem leeren Feld nachlegen.
- 22Simon sagtGanze Anleitung in der SpielemappeNur mitmachen, wenn der Satz mit „Simon sagt“ anfängt.
- 27AuftragsketteGanze Anleitung in der SpielemappeMehrere Aufträge auf einmal hören, wiederholen und der Reihe nach erledigen.
Häufige Fragen
Was sind exekutive Funktionen, einfach erklärt?
Es sind die Steuerfähigkeiten im Kopf. Fachleute unterscheiden drei: das Arbeitsgedächtnis als Merkzettel, die Inhibition als Bremse für Impulse und Ablenkungen und die kognitive Flexibilität als Schalter fürs Umdenken. Auf ihnen bauen Planen und Problemlösen auf (Diamond 2013). Bei Kindern sind alle drei noch im Aufbau.
Gibt es einen Test für exekutive Funktionen bei Kindern?
Fachleute nutzen in Studien und in der Diagnostik standardisierte Aufgaben, etwa das Sortieren von Karten nach wechselnden Regeln. Für zuhause gibt es keinen verlässlichen Test, und einzelne Spiele sagen wenig über dein Kind. Wenn dich etwas beunruhigt, ist die Kinderarztpraxis die richtige Anlaufstelle. Sie kann bei Bedarf an Fachleute überweisen, die gründlich untersuchen.
Wie kann man exekutive Funktionen im Kindergarten fördern?
Im Kindergartenalter passt alles, was im Spiel Regeln, Warten und Umdenken verlangt: Rollenspiele mit Absprachen, Stopptanz, Sortierspiele mit Regelwechsel und einfache Kartenspiele. Der Harvard-Leitfaden für Drei- bis Fünfjährige beschreibt viele solcher Ideen (Harvard, 3 bis 5 Jahre). Wichtig ist, dass es Spaß macht und langsam schwerer wird.
Welche Übungen gibt es für kognitive Flexibilität bei Kindern?
Geeignet sind Spiele, in denen eine Regel wechselt: Sortieren erst nach Farbe, dann nach Form, das Gegenteil-Spiel, Falsche Farbe oder Kartenspiele wie Uno, bei denen man auf Farbe oder Zahl legen darf. Fang mit einer festen Regel an und wechsle erst, wenn sie sicher sitzt. Der Wechsel selbst ist die Übung, nicht das Tempo.
Zum Weiterlesen
Quellen
- Diamond (2013): Executive Functions, Annual Review of Psychology
- Center on the Developing Child, Harvard University: Enhancing and Practicing Executive Function Skills with Children from Infancy to Adolescence
- Center on the Developing Child, Harvard University: Executive Function Activities for 3- to 5-year-olds
- Center on the Developing Child, Harvard University: Executive Function Activities for 5- to 7-year-olds
- Diamond & Lee (2011): Interventions shown to aid executive function development in children 4 to 12 years old, Science
- Diamond & Ling (2016): kritische Übersicht zu Programmen für exekutive Funktionen, Developmental Cognitive Neuroscience