Arbeitsgedächtnis bei Kindern: was es ist und wie ihr es spielerisch übt
Das Arbeitsgedächtnis ist der Notizzettel im Kopf: Es hält ein paar Dinge kurz fest, damit dein Kind damit arbeiten kann, etwa beim Kopfrechnen oder bei einem Auftrag mit mehreren Teilen. Wer das Arbeitsgedächtnis bei Kindern trainieren möchte, kann das mit kurzen Merkspielen tun, die langsam schwerer werden, sollte davon aber keine besseren Noten erwarten.
Was das Arbeitsgedächtnis ist
Fachleute beschreiben das Arbeitsgedächtnis als die Fähigkeit, Informationen im Kopf zu behalten und gedanklich damit zu arbeiten. Es gehört zu den exekutiven Funktionen, zusammen mit dem Bremsen von Impulsen und dem flexiblen Umdenken (Diamond 2013).
Das Bild vom Notizzettel passt gut. Auf den Zettel passt nicht viel, und was darauf steht, verblasst schnell. Kommt etwas Neues dazu, rutscht oft etwas anderes herunter. Das Langzeitgedächtnis ist eher ein Archiv: Dort liegen der Geburtstag der Oma, das Lieblingslied und die Regeln von Mensch ärgere dich nicht.
Beim Memory arbeiten beide zusammen. Wo die zweite Katze liegt, steht auf dem Notizzettel. Wie eine Katze aussieht, holt dein Kind aus dem Archiv. Wenn in diesem Artikel von Merkspielen die Rede ist, geht es um den Zettel, nicht um das Archiv.
Wie sich ein voller Notizzettel im Alltag zeigt
Ein Arbeitsgedächtnis, das schnell voll ist, fällt selten als Gedächtnisproblem auf. Eher wirkt das Kind verträumt, unordentlich oder als würde es nicht zuhören. Typische Szenen:
- Dein Kind soll im Zimmer die Hausschuhe holen, steht dann mitten im Raum und weiß nicht mehr, warum es gekommen ist.
- Beim Kopfrechnen klappt der erste Schritt, aber das Zwischenergebnis ist weg, bevor die nächste Zahl dazukommt.
- Bei „Zieh die Jacke an, nimm den Turnbeutel und warte an der Tür“ passiert nur das Erste oder nur das Letzte.
- Beim Schreiben ist der Rest des Satzes verschwunden, während dein Kind noch am ersten Wort buchstabiert.
- Mitten im Spiel geht verloren, wer dran ist oder was eine bestimmte Karte bedeutet.
Das passiert jedem Kind mal, und Erwachsenen auch, vor allem wenn sie müde oder abgelenkt sind. Mit Faulheit oder bösem Willen hat es meist nichts zu tun. Der Zettel war voll, oder etwas anderes hat ihn überschrieben.
Wie das Arbeitsgedächtnis mit dem Alter wächst
Die exekutiven Funktionen entwickeln sich langsam. Der Prozess beginnt im Säuglingsalter und reicht bis ins junge Erwachsenenalter, schreibt das Center on the Developing Child der Harvard University in seinem Leitfaden mit Spielen für jedes Alter (Harvard Center on the Developing Child 2014).
Ein Kind im Kindergarten kann also deutlich weniger auf einmal im Kopf behalten als ein Kind in der vierten Klasse. Und Kinder im gleichen Alter unterscheiden sich stark. Wenn dein Kind mit sechs Jahren eine Anweisung in drei Teilen nicht schafft, liegt das oft schlicht am Alter.
Hilfreicher als der Vergleich mit Geschwistern oder Klassenkameraden ist eine andere Frage: Was schafft mein Kind heute sicher, und was wäre der nächste kleine Schritt? Genau darauf bauen die Spiele weiter unten auf.
Alltagshilfen: den Notizzettel entlasten
Bevor ihr etwas übt, lohnt sich der umgekehrte Weg: weniger auf den Zettel schreiben. Das macht Erfolge wahrscheinlicher und spart Streit. Die wichtigste Regel steht schon im Artikel Kind kann sich nicht konzentrieren: eine Anweisung auf einmal.
- Erst Kontakt, dann Auftrag: Sag den Namen deines Kindes, warte auf den Blick und sprich dann. Was im Vorbeigehen aus der Küche gerufen wird, landet oft gar nicht erst auf dem Zettel.
- Eine Anweisung auf einmal: „Hol deine Schuhe.“ Wenn die Schuhe da sind, kommt der nächste Satz.
- Wiederholen lassen: Bitte dein Kind, den Auftrag in eigenen Worten zu sagen. So hörst du sofort, ob er angekommen ist, und dein Kind hat ihn einmal selbst ausgesprochen.
- Bildkarten: Für feste Abläufe wie Anziehen oder Zähneputzen kleine Bilder in der richtigen Reihenfolge an die Wand hängen. Dann muss nichts im Kopf bleiben, ein Blick genügt.
- Listen: Ältere Kinder schreiben Hausaufgaben, Einkäufe oder Zwischenergebnisse beim Rechnen auf. Das ist kein Schummeln. Erwachsene machen es genauso.
Diese Hilfen nehmen deinem Kind nichts weg. Sie halten den Kopf frei für das, worum es gerade geht, zum Beispiel für die Rechenaufgabe statt für die Frage, was als Nächstes zu tun war.
Merkspiele für Kinder: so übt ihr das Arbeitsgedächtnis
Spiele, bei denen man sich etwas merken und damit weiterarbeiten muss, gibt es in fast jeder Familie. Der Harvard-Leitfaden nennt unter anderem Memory, Klatschrhythmen, Lieder, die mit jeder Strophe länger werden, und das Kofferpacken als Spiele, die das Arbeitsgedächtnis fordern (Harvard Center on the Developing Child 2014). Viele Kinder spielen so etwas ohnehin gern.
Mit den Augen: Bei Bilder merken schaut dein Kind kurz auf ein Blatt voller Bilder und erzählt dann, was darauf war. Bei Punkte nachlegen sieht es ein Farbmuster nur einen Moment lang und legt es danach mit Knöpfen aus dem Gedächtnis nach.
Mit Zahlen: Bei Würfeln und einkreisen muss dein Kind die gewürfelte Zahl im Kopf behalten, während es auf dem Blatt nach Punkten sucht. Das ist Kopfarbeit im Kleinen, ohne dass es nach Mathe aussieht.
Mit den Ohren: Beim Klatsch-Echo klatschst du einen kurzen Rhythmus vor, dein Kind klatscht ihn nach. Ich packe meinen Koffer kennt fast jede Familie: Reihum sagt jeder die ganze Liste auf und hängt ein neues Ding an.
Ganz nah am Alltag ist die Auftragskette. Dein Kind hört zwei oder drei kleine Aufträge, sagt sie noch einmal und erledigt sie der Reihe nach. Was morgens vor der Schule oft schiefgeht, wird hier zum Spiel ohne Zeitdruck.
Weitere Spiele dieser Art findest du gesammelt bei den Gedächtnisspielen für Kinder.
Langsam steigern, ohne zu überfordern
Ein Überblick über Programme für Kinder zwischen vier und zwölf Jahren kam zu dem Schluss, dass vor allem das etwas brachte, was regelmäßig geübt wurde und langsam schwerer wurde (Diamond & Lee 2011). Auch der Harvard-Leitfaden rät, Spiele für Schulkinder Schritt für Schritt anspruchsvoller zu machen.
- Leicht anfangen: Wähle eine Stufe, die dein Kind sicher schafft. Drei Bilder, ein Rhythmus mit vier Klatschern, zwei Dinge im Koffer.
- Erst nach Erfolgen steigern: Klappt eine Stufe dreimal hintereinander, kommt ein Teil dazu. Ein Bild mehr, ein Klatscher mehr, ein Auftrag mehr.
- Zurückgehen ist erlaubt: Wird es zu schwer, geht ihr eine Stufe zurück. Das gehört dazu.
- Rollen tauschen: Lass dein Kind vorklatschen oder die Aufträge geben. Dann musst du dir etwas merken, und dein Kind prüft, ob du alles richtig machst.
- Aufhören, solange es Spaß macht: Ein paar Minuten am Tag reichen. Lieber die Lust auf morgen erhalten als heute eine Runde zu viel spielen.
Viele Kinder lieben es, wenn Erwachsene sich verhaspeln. Wenn du beim Kofferpacken absichtlich mal etwas vergisst, lacht dein Kind, und die nächste Runde startet mit guter Laune.
Was Arbeitsgedächtnistraining bringt und was nicht
Es gibt Computerprogramme und Apps, die versprechen, über das Arbeitsgedächtnis auch Konzentration und Schulleistung zu verbessern. Die Forschung dazu ist ernüchternd. Das solltest du wissen, bevor du Geld oder Hoffnung hineinsteckst.
Eine Meta-Analyse fand: Das Training verbesserte zuverlässig die Leistung in Gedächtnisaufgaben, die den geübten ähneln. Beim sprachlichen Arbeitsgedächtnis waren diese Gewinne bei einer späteren Nachmessung nicht mehr da. Für eine Übertragung auf andere Fähigkeiten wie Rechnen oder das Lesen von Wörtern fanden die Autoren keine überzeugenden Belege (Melby-Lervåg & Hulme 2013).
Eine größere Auswertung mit 87 Veröffentlichungen kam drei Jahre später zum gleichen Ergebnis: kurzfristige, eng begrenzte Effekte auf ähnliche Gedächtnisaufgaben, aber keine verlässlichen Verbesserungen bei Leseverständnis, Rechnen oder Denkaufgaben (Melby-Lervåg, Redick & Hulme 2016).
Für Kinder mit ADHS sieht es ähnlich aus. In einer Meta-Analyse von 16 Studien verbesserte kognitives Training das Arbeitsgedächtnis in Tests. Wenn die Bewertung von Personen kam, die nicht wussten, welches Kind trainiert hatte, blieb nur ein kleiner Effekt auf die ADHS-Symptome, und bei der Schulleistung zeigte sich keiner (Cortese et al. 2015). Eine neuere Meta-Analyse zu Computertraining fand ebenfalls bessere Werte im Arbeitsgedächtnis, aber keinen Effekt auf die ADHS-Symptome insgesamt (Westwood et al. 2023).
Was heißt das für Merkspiele zu Hause? Dein Kind wird in den Spielen, die ihr spielt, mit der Zeit besser werden. Ob sich das auf Diktate oder Mathearbeiten überträgt, ist offen und nach diesen Studien eher unwahrscheinlich. Spielt die Spiele deshalb als gemeinsame Zeit und als Übung im Zuhören und Hinschauen, nicht als Garantie für bessere Noten. Für den Schulalltag sind die Alltagshilfen weiter oben der direktere Weg, weil sie dort ansetzen, wo es hakt.
Wann du dir Hilfe holen solltest
Merkspiele und Alltagshilfen sind für den Familienalltag gedacht. Sie ersetzen keine Diagnose und keine Therapie. Sprich mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Dein Kind vergisst seit Monaten deutlich mehr als Gleichaltrige, zu Hause und in Kita oder Schule.
- Die Schule meldet sich wiederholt, zum Beispiel weil dein Kind Anweisungen im Unterricht nicht umsetzen kann.
- Dein Kind leidet selbst darunter und sagt Sätze wie „Ich bin dumm“ oder „Ich kann mir nichts merken“.
- Neben dem Vergessen fallen auch große Unruhe, Impulsivität oder Schwierigkeiten beim Lesen und Rechnen auf.
Die Kinderarztpraxis kann an ein sozialpädiatrisches Zentrum überweisen. Dort wird geschaut, was hinter den Schwierigkeiten steckt. Das kann eine ADHS sein, eine Lese- oder Rechenschwäche, ein Hörproblem oder etwas ganz anderes. Wie eine ADHS in Deutschland abgeklärt wird, beschreibt die ärztliche Leitlinie (AWMF S3-Leitlinie ADHS). Informationen und Selbsthilfegruppen für Eltern bietet ADHS Deutschland e.V..
Passende Übungen
- 6Bilder merkenEin Blatt voller Bilder kurz anschauen und dann erinnern.
- 26Ich packe meinen KofferGanze Anleitung in der SpielemappeJeder wiederholt die ganze Liste und hängt ein Ding an.
- 27AuftragsketteGanze Anleitung in der SpielemappeMehrere Aufträge auf einmal hören, wiederholen und der Reihe nach erledigen.
- 2Würfeln und einkreisenWürfeln, dann genau so viele Punkte finden und einkreisen.
- 25Klatsch-EchoGanze Anleitung in der SpielemappeDu klatschst einen Rhythmus, dein Kind klatscht ihn genau nach.
- 5Punkte nachlegenEin Farbmuster kurz anschauen, dann aus dem Gedächtnis nachlegen.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter kann man das Arbeitsgedächtnis trainieren?
Merkspiele gehen schon mit kleinen Kindern, etwa Gegenstände verstecken und wiederfinden oder Memory mit wenigen Karten. Der Harvard-Leitfaden beschreibt passende Spiele für jedes Alter, vom Baby bis zum Teenager. Wichtig ist, dass das Spiel zu deinem Kind passt, nicht zum Alter auf der Packung. Bei den Übungen auf dieser Seite steht jeweils ein Mindestalter dabei.
Bringen Apps zum Arbeitsgedächtnistraining etwas?
Kinder werden in den geübten Aufgaben besser. Meta-Analysen finden aber kaum Belege, dass sich das auf Lesen, Rechnen oder Denkaufgaben überträgt (Melby-Lervåg, Redick & Hulme 2016). Wenn dein Kind Spaß an einer App hat, spricht nichts gegen eine kurze Runde. Für das Versprechen besserer Noten lohnt sich viel Geld nach heutigem Stand nicht.
Mein Kind vergisst ständig Aufträge. Hat es ein schlechtes Arbeitsgedächtnis?
Nicht unbedingt. Kinder vergessen Aufträge auch, wenn sie müde, abgelenkt oder gerade mit etwas Schönerem beschäftigt sind. Probier eine Woche lang, nur eine Anweisung auf einmal zu geben und sie wiederholen zu lassen. Klappt es dann deutlich besser, war vermutlich einfach der Zettel zu voll. Bleiben die Schwierigkeiten groß, sprich mit der Kinderarztpraxis.
Zum Weiterlesen
Quellen
- Diamond (2013): Executive Functions, Annual Review of Psychology
- Center on the Developing Child, Harvard University (2014): Leitfaden mit Spielen für exekutive Funktionen vom Baby- bis zum Jugendalter
- Diamond & Lee (2011): Interventions shown to aid executive function development in children 4 to 12 years old, Science
- Melby-Lervåg & Hulme (2013): Meta-Analyse zu Arbeitsgedächtnistraining, Developmental Psychology
- Melby-Lervåg, Redick & Hulme (2016): Arbeitsgedächtnistraining und Übertragung auf andere Fähigkeiten, Perspectives on Psychological Science
- Cortese et al. (2015): Meta-Analyse zu kognitivem Training bei ADHS, JAACAP
- Westwood et al. (2023): Meta-Analyse zu Computertraining bei ADHS, Molecular Psychiatry
- AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (2018)