Händigkeit bei Kindern: erkennen und richtig begleiten

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Händigkeit ist die feste Vorliebe für eine Hand bei geschickten Tätigkeiten wie Malen, Schreiben oder Löffeln. Sie bildet sich bei Kindern von selbst heraus. Lass dein Kind frei wählen und unterstütze ein linkshändiges Kind mit passendem Werkzeug und einem guten Platz am Tisch.

Ab wann sich die Händigkeit zeigt und festigt

Laut dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) bevorzugen die meisten Kinder etwa ab dem achten Lebensmonat beim Greifen eine Hand. Im dritten Lebensjahr ist die Händigkeit meist deutlich und stabil ausgeprägt, manche Kinder wechseln aber bis ins fünfte oder sechste Lebensjahr hin und her (BIÖG).

Studien sind vorsichtiger. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass Drei- bis Fünfjährige oft nur eine schwache, wechselnde Vorliebe zeigen und eine klare Vorliebe manchmal erst mit etwa sechs Jahren zu sehen ist. Auf ein Alter, ab dem die Händigkeit so fest ist wie bei Erwachsenen, hat sich die Forschung nicht geeinigt (Scharoun & Bryden 2014). In einer Studie mit Kindern zwischen vier und elf Jahren hatten die Vier- und Fünfjährigen eine schwächere Vorliebe für eine Hand als die Acht- bis Elfjährigen (Hill & Khanem 2009).

Wie viele Linkshänder gibt es? Eine große Meta-Analyse kommt auf etwa 10,6 Prozent, je nach Messweise auf gut 9 bis 18 Prozent (Papadatou-Pastou et al. 2020). In jeder Kita-Gruppe sitzen also meist ein paar Kinder, die links malen.

Für dich heißt das: Ein Kindergartenkind, das mal links und mal rechts malt, ist in guter Gesellschaft. Entscheidend ist, wie es sich bis zur Einschulung entwickelt.

Händigkeit bei Kindern erkennen: beobachten statt testen

Du brauchst keinen Test, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Beobachte im Alltag, ohne es zu kommentieren. Schau zum Beispiel, mit welcher Hand dein Kind den Löffel nimmt, wenn er mittig vor dem Teller liegt, welche Hand die Zahnbürste führt, mit welcher es einen Ball wirft oder einen Deckel aufdreht. Ein einzelner Moment sagt wenig, ein Bild über ein paar Wochen sagt mehr.

Damit dein Kind wirklich frei wählt, hilft eine kleine Gewohnheit. Das BIÖG rät, Spielzeug nicht in eine bestimmte Hand zu geben, sondern mittig hinzulegen, und die rechte Hand nicht als „schönes“, „gutes“ oder „richtiges Händchen“ zu loben (BIÖG). Auch Stifte, Besteck und Schere legst du am besten in die Mitte.

Achte auch auf die zweite Hand. Bei vielen Tätigkeiten hat sie eine eigene Aufgabe: Sie hält das Papier, das Glas oder die Schnur. Beim Spiegel-Zeichnen, bei dem beide Hände gleichzeitig dieselbe Form malen, oder bei der Ball-Acht, bei der ein kleiner Ball in einer Acht um die Knie wandert, siehst du gut, wie beide Hände zusammenarbeiten und welche gerade sicherer führt.

Bleibt die Hand unklar, kann eine Fachperson die Händigkeit mit einem geeigneten Test abklären, etwa mit Aufgaben wie Zähneputzen, Schreiben, Blumengießen oder Malen (BIÖG). Das ist Sache von Fachleuten, nicht von Selbsttests aus dem Internet.

Warum niemand umerzogen werden sollte

Lange galt die linke Hand als die falsche. Im 20. Jahrhundert rieten in Großbritannien und den USA viele Lehrkräfte, Psychologen und Psychiater dazu, linkshändige Kinder zum Schreiben mit rechts zu zwingen, oft mit harten Methoden bis hin zum Festhalten der linken Hand (Kushner 2012). Eine große Meta-Analyse nennt Druck gegen die linke Hand als einen Grund, warum der Anteil der Linkshänder zwischen Kulturen schwankt (Papadatou-Pastou et al. 2020).

Vorbei ist das nicht ganz. Ein Infoblatt des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein weist darauf hin, dass Kinder auch heute noch bewusst umgeschult werden, und dass manche Kinder sich selbst umstellen, weil sie nicht anders sein wollen als die anderen (IQSH 2020).

Das BIÖG ist eindeutig: Die Händigkeit bildet sich von selbst heraus und sollte nicht beeinflusst werden. Es warnt, dass eine Umschulung zu Problemen beim Lernen, Schreiben und Malen und zu seelischen Belastungen führen kann (BIÖG). Wie häufig solche Folgen sind, ist nicht gut untersucht, und eine frühe Theorie, Umschulung führe zum Stottern, hat sich nicht gehalten (Kushner 2012). Einen guten Grund, ein Kind umzuerziehen, gibt es trotzdem nicht.

Sag deinem Kind ruhig, dass beide Hände in Ordnung sind. Gerade Kinder, die merken, dass sie anders malen als ihre Freunde, brauchen diesen Satz manchmal.

Wenn dein Kind Linkshänder ist: was im Alltag hilft

Vieles im Alltag ist für die rechte Hand gebaut, von der Schere bis zum Dosenöffner. Ein paar Dinge machen linkshändigen Kindern das Leben leichter:

  • Werkzeug: Das BIÖG nennt Schere, Spitzer, dreieckige Wachsmalkreiden und Stifte für Linkshänder als Hilfen für eine lockere Haltung (BIÖG). Bei einer Linkshänderschere sind die Klingen vertauscht, sodass dein Kind die Linie sieht, an der es schneidet.
  • Sitzplatz: Am Tisch sitzt dein Kind neben einem anderen Linkshänder oder links von einem Rechtshänder, damit sich die Ellbogen nicht stoßen (BIÖG). Das gilt beim Abendessen genauso wie beim Basteln.
  • Licht: am besten von rechts oder von vorn (IQSH 2020). Dann wirft die schreibende Hand keinen Schatten aufs Blatt.
  • Tisch decken: Wenn dein Kind Becher und Besteck lieber andersherum hinlegt, lass es.
  • Stifte: Schnell trocknende Stifte und Füller mit schnell trocknender Tinte verwischen weniger, wenn die Hand über das Geschriebene gleitet.

Zeigst du deinem Kind etwas Neues, etwa Schleife binden, kann es helfen, wenn du dich gegenübersetzt. Dann sieht es die Bewegung wie im Spiegel und muss sie nicht im Kopf umdrehen.

Wenn Linkshänder schreiben lernen

Beim Schreiben von links nach rechts schiebt die linke Hand den Stift vor sich her und deckt ab, was gerade geschrieben wurde. Das BIÖG beschreibt, dass das leicht zu einer verkrampften Haltung führt, und rät, früh eine lockere Schreibhaltung und das passende Hinlegen des Papiers zu üben (BIÖG).

Für das Heft heißt das: Es liegt nach rechts geneigt, die linke obere Ecke also höher. Nur dann kann die Hand unter der Zeile schreiben, statt sich von oben um die Zeile zu krümmen (IQSH 2020). Probiert gemeinsam aus, welcher Winkel sich für dein Kind gut anfühlt.

Buchstaben seitenverkehrt zu schreiben, ist mit etwa fünf Jahren bei vielen Kindern noch normal, mit welcher Hand sie auch schreiben (BIÖG). Das allein ist kein Zeichen für ein Problem mit der Händigkeit.

Erzähl der Lehrkraft vor der Einschulung, dass dein Kind mit links schreibt. Das BIÖG betont, dass die Schreibhand vor Schuleintritt feststehen sollte, weil die Schule mit dem Schreiben beginnt (BIÖG).

Wechselnde Hand mit 4 oder 5: normal oder ein Grund nachzufragen?

Ein Kind, das mit vier mal links und mal rechts malt, ist meistens einfach noch dabei, sich festzulegen. Welche Hand Kinder wählen, hängt außerdem nicht nur vom Alter ab, sondern auch von der Aufgabe (Hill & Khanem 2009). Links werfen und rechts malen kommt vor.

Das BIÖG rät, mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt zu sprechen, wenn ein Kind auch nach dem vierten Lebensjahr noch häufig die Hand wechselt und du unsicher bist (BIÖG). Wechselt die Hand vor allem in der Mitte des Blattes, kann das mit dem Kreuzen der Körpermitte zu tun haben, dazu gibt es eine eigene Frage in Mittellinie kreuzen: was das bedeutet und 6 Spiele dafür.

Bei Spielen mit klaren Rollen für links und rechts hat jede Hand ihre eigene Aufgabe. Bei Farben tippen tippt dein Kind mit der passenden Hand auf die gerufene Farbe, beim Zwei-Hand-Pfad gehören grüne Teile zur linken und blaue zur rechten Hand, beim Block-Takt tippen beide Hände Klötzchen im Takt. In diesen Spielen geht es um Links und Rechts und das Zusammenspiel der Hände. Eine Händigkeit legen sie nicht fest, und das sollen sie auch nicht.

Weitere Spiele für beide Hände findest du bei den Übungen für Körper und Koordination.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Ein Elternportal spanischer Kinderärzte nennt einen Grund, schon sehr früh nachzufragen: Benutzt ein Kind vor dem zweiten Geburtstag eine Körperseite sehr auffällig mehr als die andere, gehört das in die Kinderarztpraxis (AEPap, Familia y Salud).

Später rät das BIÖG zu einem Gespräch, wenn dein Kind nach dem vierten Lebensjahr noch oft die Hand wechselt und du unsicher bist, und es betont, dass die Schreibhand vor Schuleintritt feststehen sollte (BIÖG). Zeichnet sich kurz vor der Einschulung noch keine ab, sprich es also an. Dasselbe gilt, wenn dein Kind mit Händen und Fingern deutlich ungeschickter ist als andere Kinder im gleichen Alter (BIÖG). Die Kinderarztpraxis kann einschätzen, ob eine Abklärung oder Ergotherapie sinnvoll ist.

Eine Checkliste zum Selbsttest gibt es hier bewusst nicht. Ob ein Kind Unterstützung braucht, hängt davon ab, wie es im Alltag zurechtkommt, und das kann nur eine Fachperson zusammen mit euch einschätzen.

Passende Übungen

Häufige Fragen

Ab wann steht die Händigkeit bei Kindern fest?

Bei vielen Kindern zeichnet sie sich im dritten Lebensjahr deutlich ab, manche wechseln aber bis ins fünfte oder sechste Lebensjahr (BIÖG). Studien finden bei Drei- bis Fünfjährigen oft noch eine schwache Vorliebe und keine Einigkeit darüber, ab wann die Händigkeit so fest ist wie bei Erwachsenen (Scharoun & Bryden 2014). Wichtig ist, dass die Schreibhand vor der Einschulung feststeht.

Kann man die Händigkeit beim Kind testen?

Zuhause reicht Beobachten: Mit welcher Hand löffelt, malt, wirft und schraubt dein Kind, wenn du die Dinge mittig hinlegst? Bleibt es unklar, kann eine Fachperson einen Test machen, etwa mit Aufgaben wie Zähneputzen, Schreiben, Blumengießen und Malen (BIÖG). Frag in der Kinderarztpraxis, wer das in eurer Nähe anbietet. Selbsttests aus dem Internet ersetzen das nicht.

Kann man Linkshänder umerziehen?

Man kann es versuchen, aber man sollte es nicht. Das BIÖG rät ausdrücklich davon ab, die Händigkeit zu beeinflussen, und nennt Linkshändigkeit ebenso normal wie Rechtshändigkeit (BIÖG). Früher wurden linkshändige Kinder oft zum Schreiben mit rechts gezwungen (Kushner 2012). Etwa jeder zehnte Mensch ist Linkshänder (Papadatou-Pastou et al. 2020).

Braucht mein Kind eine Linkshänderschere?

Wenn es mit links schneidet, ja. Bei einer normalen Schere sind die Klingen für die rechte Hand angeordnet, und die obere Klinge verdeckt bei Linkshändern die Schnittlinie. Das BIÖG nennt die Linkshänderschere neben Spitzer und Stiften als Hilfe für eine lockere Haltung (BIÖG). Gib sie auch in die Kita oder Schule mit, falls dort keine liegt.

Zum Weiterlesen

Quellen

  1. BIÖG: Thema Linkshändigkeit, kindergesundheit-info.de
  2. BIÖG: Vom Greifen bis zur Fingerfertigkeit (Hand- und Fingermotorik), kindergesundheit-info.de
  3. Scharoun & Bryden (2014): Hand preference, performance abilities, and hand selection in children, Frontiers in Psychology
  4. Hill & Khanem (2009): Entwicklung der Handpräferenz bei Kindern, Brain and Cognition
  5. Papadatou-Pastou et al. (2020): Human handedness: A meta-analysis, Psychological Bulletin
  6. Kushner (2012): Umschulung von Linkshändern und die Stotter-Theorie, ein historischer Überblick, Laterality
  7. Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH, 2020): Rechtshändig oder linkshändig? Infoblatt
  8. AEPap, Familia y Salud (2019): Mi hijo es zurdo. ¿Qué problemas puede tener?

Dieser Artikel ist eine Hilfe für den Familienalltag. Er ersetzt keine Diagnose und keine ärztliche, psychotherapeutische oder ergotherapeutische Beratung. Mehr dazu