Auditive Wahrnehmung bei Kindern: Spiele und Alltagstipps

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Auditive Wahrnehmung ist die Fähigkeit, Gehörtes zu erkennen, zu unterscheiden, zu ordnen und kurz zu behalten: Das Ohr nimmt den Schall auf, verstanden wird er im Gehirn. Wenn ein Hörtest gezeigt hat, dass die Ohren gut hören, gibt es zu jedem Teilbereich kurze Zuhörspiele mit Geräuschen, Rhythmen, Silben und Reimen.

Hören ist nicht gleich Verstehen

Du rufst aus der Küche „Zieh bitte die Schuhe an, wir müssen los“, während die Dunstabzugshaube brummt und im Kinderzimmer ein Hörspiel läuft. Dein Kind antwortet „Was?“ oder kommt mit einer Socke zurück. Die Ohren haben jedes Wort aufgenommen. Der Rest passiert im Gehirn: Es muss deine Stimme vom Brummen trennen, die Wörter erkennen und in der richtigen Reihenfolge behalten.

Fachleute trennen deshalb das Hören selbst von der Verarbeitung des Gehörten. Zu diesen zentralen Prozessen zählt die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie unter anderem, Veränderungen in Zeit, Tonhöhe und Lautstärke zu erkennen und die Signale beider Ohren zusammenzubringen (DGPP, AWMF-Leitlinie AVWS). Für den Familienalltag reichen fünf Teilbereiche.

Was zur auditiven Wahrnehmung gehört: fünf Teilbereiche

  • Geräusche unterscheiden: Klingelt das Telefon oder die Haustür? Hast du „Tasse“ oder „Tasche“ gesagt? Dein Kind muss kleine Unterschiede bemerken, bei Geräuschen und bei Lauten in Wörtern.
  • Richtung finden: Von wo kommt das Martinshorn? Wer hat gerade gerufen? Mit zwei Ohren kann dein Kind herausfinden, woher ein Geräusch kommt.
  • Wichtiges aus Lärm herausfiltern: die Stimme der Erzieherin im vollen Gruppenraum, die Durchsage am Bahnsteig.
  • Reihenfolgen merken: drei Aufträge hintereinander, eine Telefonnummer, ein Klatschrhythmus. Fachleute sprechen hier auch von auditiver Merkfähigkeit.
  • Silben und Reime: Hört dein Kind, dass „Maus“ und „Haus“ gleich klingen und „Ba-na-ne“ drei Teile hat? Dieses Gespür für den Klang der Sprache heißt phonologische Bewusstheit.

Das Herausfiltern fällt Kindern deutlich schwerer als Erwachsenen. Eine Übersicht zu Lärm und Lernen beschreibt, dass sich das Verstehen von Sprache im Störgeräusch bis ins Jugendalter weiter verbessert. Spricht im Hintergrund eine einzelne andere Person, erreichen Kinder das Niveau von Erwachsenen meist nicht vor dem zehnten Lebensjahr (Klatte et al. 2013).

Silben und Reime spielen auch in der Leseforschung eine Rolle. Eine große Meta-Analyse mit 235 Studien fand, dass das Erkennen einzelner Laute in Wörtern eng mit dem Lesenlernen zusammenhängt. Beim Reimen war der Zusammenhang schwächer, aber vorhanden (Melby-Lervåg et al. 2012). Ein Zusammenhang heißt allerdings nicht, dass Reimspiele zu besserem Lesen führen. Unsere Reimspiele sind Spiele, keine Leseförderung.

Das Merken von Gehörtem hängt eng mit dem Arbeitsgedächtnis zusammen. Mehr dazu steht im Artikel Arbeitsgedächtnis bei Kindern.

Zuerst das Gehör prüfen lassen

Bevor ihr irgendetwas übt, sollte klar sein, dass die Ohren selbst gut hören. Ein unauffälliges Hörscreening nach der Geburt schließt nicht aus, dass dein Kind heute schlechter hört.

Häufig steckt etwas ganz Alltägliches dahinter. Nach einer Mittelohrentzündung sammelt sich oft Flüssigkeit hinter dem Trommelfell, ein sogenannter Paukenerguss, und dein Kind hört eine Zeit lang schlechter. Auch Ohrenschmalz kann den Gehörgang verstopfen. Solche Hörminderungen sind vorübergehend (gesund.bund.de).

Bleibende Hörstörungen bleiben bei kleinen Kindern oft zunächst unbemerkt. Auffallen können sie, wenn ein Kind kaum auf Geräusche reagiert oder nur merkt, dass jemand mit ihm spricht, wenn es das Gesicht sieht. Unbehandelt kann eine Hörstörung die Sprachentwicklung beeinträchtigen (gesund.bund.de).

Der erste Weg führt in die Kinderarztpraxis. Sie kann bei Bedarf an eine HNO-Praxis oder eine Pädaudiologie überweisen. Auch dort wird zuerst geprüft, ob beide Ohren normal hören, und ein Paukenerguss wird behandelt, bevor weitere Hörtests sinnvoll sind (DGPP, AWMF-Leitlinie AVWS).

AVWS: ein Begriff für Fachleute

Vielleicht ist dir das Kürzel AVWS schon begegnet, in der Kita, im Elternforum oder bei einem Test im Internet. Es steht für auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung. Gemeint sind Störungen der zentralen Prozesse des Hörens, bei Ohren, die selbst normal hören (DGPP, AWMF-Leitlinie AVWS).

Die Leitlinie ist deutlich: Diagnostizieren sollen das nur Fachärztinnen und Fachärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie oder speziell ausgebildete HNO-Ärzte, ein kurzes Screening reicht nicht. Empfohlen wird ein Mindestalter von etwa sieben Jahren. Vorher müssen andere Erklärungen geprüft werden, etwa eine Sprachentwicklungsstörung, eine Lese-Rechtschreibstörung oder Aufmerksamkeitsprobleme wie bei ADHS (DGPP, AWMF-Leitlinie AVWS).

Deshalb findest du hier bewusst keine Checkliste zum Ankreuzen. Ob ein Kind schlecht hört, müde ist, gerade etwas anderes im Kopf hat oder ob wirklich etwas in der Verarbeitung hakt, lässt sich am Küchentisch nicht unterscheiden. Die Spiele weiter unten passen für jedes Kind, eine Abklärung ersetzen sie nicht.

Und wenn dein Kind dich gut versteht, aber trotzdem nicht tut, worum du es bittest, geht es meist um Kommunikation und Grenzen, nicht um Wahrnehmung. Das ist ein eigenes Thema.

Auditive Wahrnehmung bei Kindern fördern: Spiele nach Teilbereich

Die folgenden Zuhörspiele brauchen kaum Material, und viele kennen Kinder aus Kita und Grundschule. Jedes steht bei dem Teilbereich, den es am meisten fordert, auch wenn sich das überschneidet.

Geräusche unterscheiden:

  • Geräusche raten: Dein Kind schließt die Augen. Du knisterst mit Alufolie, schüttelst den Schlüsselbund oder gießt Wasser in ein Glas. Was war das? Danach tauscht ihr die Rollen.
  • Geräusch-Memory: Füllt leere, blickdichte Döschen paarweise mit Reis, Nudeln, Knöpfen oder Sand. Dein Kind schüttelt und findet die Paare nur am Klang.

Richtung finden: Bei „Wo klingelt der Wecker?“ wartet dein Kind mit geschlossenen Augen im Flur. Du versteckst einen tickenden Küchenwecker oder ein Handy mit leiser Melodie im Zimmer, und dein Kind folgt dem Geräusch, bis es ihn findet. Für Jüngere reicht es, in die Ecke zu zeigen, aus der du rufst.

Wichtiges heraushören: Bei Simon sagt macht dein Kind nur mit, wenn der Satz mit „Simon sagt“ beginnt. Es muss also auf den Anfang jedes Satzes achten, auch wenn leise Musik im Hintergrund läuft. Bei Farben tippen rufst du eine Farbe, und dein Kind tippt mit der passenden Hand darauf.

Reihenfolgen merken: Beim Klatsch-Echo klatschst du einen Rhythmus vor, und dein Kind klatscht ihn genau nach. Bei Ich packe meinen Koffer wiederholt jeder die ganze Liste und hängt ein Ding an. Bei der Auftragskette hört dein Kind mehrere kleine Aufträge, sagt sie noch einmal und erledigt sie der Reihe nach.

Silben und Reime:

  • Silben klatschen: Sprecht Namen und Wörter langsam und klatscht bei jeder Silbe. „Ma-ri-e“ bekommt drei Klatscher, „Tom“ nur einen. Wer hat den längsten Namen in der Familie?
  • Reimpaare: Du sagst ein Wort, dein Kind sucht ein Reimwort, auch Quatschwörter zählen. Für Jüngere geht es andersherum: Reimen sich „Maus“ und „Haus“? Und „Maus“ und „Mond“?

Weitere Spiele zum Zuhören und Merken findest du bei den Gedächtnisspielen für Kinder. Fangt leicht an und macht ein Spiel erst schwerer, wenn die einfache Runde sicher klappt.

Zuhören im Alltag leichter machen

Die andere Seite ist der Alltag. Lärm im Hintergrund stört Kinder beim Verstehen von Sprache stärker als Erwachsene (Klatte et al. 2013). Daraus ergeben sich ein paar einfache Gewohnheiten:

  • Leiser drehen: Radio oder Fernseher aus, wenn ihr etwas besprecht. Beim Abendessen läuft keine Musik nebenher.
  • Erst Blickkontakt, dann sprechen: Sag den Namen, warte, bis dein Kind dich anschaut, und sprich dann. So sieht es auch dein Gesicht.
  • Langsam und deutlich: kurze Sätze und eine kleine Pause zwischen zwei Aufträgen, statt lauter zu werden.
  • Wiederholen lassen: Bitte dein Kind, den Auftrag in eigenen Worten zu sagen. Nachfragen ist erlaubt, „Wie bitte?“ ist keine Frechheit.
  • Vorlesen: Dein Kind hört lange einer Stimme zu, ohne dass es nach Übung aussieht. Bücher mit Reimen laden zum Mitsprechen ein.

In Kita und Schule ist es oft viel lauter als zu Hause. Wenn dein Kind dort Mühe hat, frag nach, ob es einen Platz nah bei der Lehrkraft und weg von Tür und Fenster bekommen kann.

Was Hörtrainings-Programme leisten und was nicht

Es gibt Computerprogramme, Apps und Kurse, die mit Kopfhörern und bearbeiteten Klängen die auditive Wahrnehmung trainieren wollen. Manche versprechen dazu bessere Sprache oder bessere Noten. Die Studienlage ist dünn.

Eine systematische Übersicht in einer Fachzeitschrift der amerikanischen Gesellschaft für Sprache und Hören wertete 25 Studien mit Schulkindern aus. Es gab Hinweise, dass Hör- und Sprachtrainings die Leistung in Hörtests verbessern können. Dass das an den Hörübungen selbst lag, ließ sich kaum zeigen, und für Fortschritte beim Sprechen, Lesen und Schreiben waren die Belege begrenzt (Fey et al. 2011).

Zu einem bekannten Programm dieser Art, Fast ForWord, fand eine Meta-Analyse keine Belege, dass es Kindern mit Schwierigkeiten bei Sprache oder Lesen mehr hilft als den Kindern in Vergleichsgruppen (Strong et al. 2011).

Für euch heißt das: Die Studien untersuchen Trainingsprogramme, nicht eure Zuhörspiele zu Hause, und wir versprechen dazu nichts. Kurze Zuhörspiele kosten nichts und machen vielen Kindern Spaß, etwa wenn sie selbst die Geräusche machen und du raten musst. Verspricht ein teures Programm bessere Sprache, bessere Diktate oder besseres Lesen, frag vorher in der Kinderarztpraxis nach.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Sprich mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, wenn dir einer dieser Punkte auffällt:

  • Dein Kind fragt sehr oft „Was?“, möchte den Fernseher auffällig laut oder reagiert nicht, wenn du es aus einem anderen Zimmer rufst.
  • Die Sprache entwickelt sich langsamer als bei Gleichaltrigen, oder dein Kind ist schwer zu verstehen.
  • Nach einer Erkältung oder Mittelohrentzündung scheint es über Wochen schlechter zu hören.
  • Kita oder Schule berichten, dass dein Kind Anweisungen an die ganze Gruppe oft nicht mitbekommt.
  • Du machst dir Sorgen, auch wenn du sie nicht genau benennen kannst.

Die Praxis klärt zuerst das Gehör ab und überweist bei Bedarf an eine HNO-Praxis, eine Pädaudiologie oder ein sozialpädiatrisches Zentrum. Bei Auffälligkeiten in der Sprache kann sie Logopädie verordnen. Die Spiele in diesem Artikel sind gemeinsame Zeit. Eine Behandlung sind sie nicht.

Passende Übungen

Häufige Fragen

Wie kann man die auditive Wahrnehmung bei Kindern fördern?

Der erste Schritt ist ein Hörtest, der klärt, ob die Ohren gut hören. Im Alltag hilft eine ruhige Umgebung, wenn ihr miteinander sprecht, also Radio aus und erst Blickkontakt. Dazu passen kurze Zuhörspiele, bei denen es ums Hinhören geht: Geräusche raten, Klatsch-Echo, Silben klatschen oder Reimwörter suchen. Eine Wirkung versprechen sie nicht, sie sind gemeinsame Zeit. Wenige Minuten am Stück reichen.

Gibt es einen Test für die auditive Wahrnehmung bei Kindern?

Ja, aber nicht zum Selbermachen. Zuerst prüft die Kinderarztpraxis, eine HNO-Praxis oder eine Pädaudiologie das Gehör. Für eine AVWS gibt es spezielle Tests bei Fachleuten für Phoniatrie und Pädaudiologie, empfohlen ab etwa sieben Jahren (DGPP, AWMF-Leitlinie AVWS). Online-Tests und Checklisten können das nicht ersetzen.

Welche Zuhörspiele passen für die Grundschule?

Für Grundschulkinder eignen sich Spiele, die Merken und Sprache verbinden: Ich packe meinen Koffer, die Auftragskette, Simon sagt oder Reimketten, bei denen jeder ein neues Reimwort finden muss. Auch Silben klatschen mit langen Wörtern wie „Ap-fel-saft-fla-sche“ macht in dem Alter noch Spaß.

Was sind Beispiele für auditive Wahrnehmung im Alltag?

Dein Kind erkennt am Klang, ob das Telefon oder die Haustür klingelt. Es dreht sich zum Martinshorn um, versteht dich trotz laufender Spülmaschine, merkt sich drei Dinge, die es aus dem Zimmer holen soll, und hört, dass sich „Maus“ und „Haus“ reimen. In jedem dieser Momente arbeiten Ohr und Gehirn zusammen.

Zum Weiterlesen

Quellen

  1. gesund.bund.de: Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit bei Kindern
  2. Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (2019): S1-Leitlinie Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS), AWMF 049-012
  3. Klatte, Bergström & Lachmann (2013): Does noise affect learning? Übersicht zu Lärm und Lernen bei Kindern, Frontiers in Psychology
  4. Melby-Lervåg, Lyster & Hulme (2012): Phonological skills and their role in learning to read, Psychological Bulletin
  5. Fey et al. (2011): Auditory processing disorder and auditory/language interventions, systematische Übersicht, Language, Speech, and Hearing Services in Schools
  6. Strong et al. (2011): Meta-Analyse zum Programm Fast ForWord, Journal of Child Psychology and Psychiatry

Dieser Artikel ist eine Hilfe für den Familienalltag. Er ersetzt keine Diagnose und keine ärztliche, psychotherapeutische oder ergotherapeutische Beratung. Mehr dazu