Belohnungssystem für Kinder: fair, klein und ohne Punktabzug
Ein Belohnungssystem für Kinder ist eine Abmachung, bei der dein Kind für vereinbarte Schritte im Alltag Punkte sammelt und sie gegen kleine Belohnungen tauscht. Fair bleibt es, wenn Punkte sofort kommen, auch Teilschritte zählen und nie ein Punkt abgezogen wird.
Belohnung oder Bestechung?
Viele Eltern haben ein ungutes Gefühl bei Punkteplänen. Soll mein Kind etwa nur noch Zähne putzen, wenn es dafür etwas bekommt? Die Sorge ist berechtigt, und sie hat einen Kern, den die Forschung gut kennt.
Bestechung kommt mitten im Streit: „Wenn du jetzt aufhörst zu schreien, bekommst du ein Eis.“ Das Kind lernt dabei vor allem, dass Schreien sich lohnt. Ein Belohnungssystem ist das Gegenteil. Es wird in Ruhe vorher vereinbart, gilt für bestimmte Schritte und ist für alle sichtbar.
Ein guter Punkteplan ist deshalb keine Dauerlösung, sondern eine Starthilfe für Abläufe, die neu sind oder keinen Spaß machen. Wenn der Ablauf sitzt, wird der Plan wieder kleiner. Dazu weiter unten mehr.
Was die Forschung zu Belohnungen sagt
Über Belohnungen und Motivation wird seit Jahrzehnten gestritten. Eine große Meta-Analyse aus 128 Experimenten fand: Sachbelohnungen, die vorher angekündigt werden, können die Lust an einer Tätigkeit senken, die ein Kind von sich aus gern macht. Ehrliche Rückmeldung in Worten hatte dagegen eher günstige Effekte (Deci, Koestner & Ryan 1999).
Eine andere Forschergruppe hat dieselbe Frage neu ausgewertet und kam zu einem milderen Bild. Belohnungen für Aufgaben, die wenig Spaß machen, senkten die Motivation nicht, sondern erhöhten sie eher. Nachteile zeigten sich vor allem bei Tätigkeiten, die ohnehin Freude machen, und bei Sachbelohnungen, die angekündigt und nur lose an die Leistung gebunden waren (Cameron, Banko & Pierce 2001).
Für den Familienalltag lässt sich daraus eine einfache Regel ableiten: Punkte für Pflichten, die keinen Spaß machen, wie Zähne putzen oder Tasche packen. Keine Punkte für Dinge, die dein Kind gern tut, wie Malen, Lesen oder Lego. Sonst wird aus einem Hobby eine Arbeit, für die es Lohn gibt.
Was gut funktioniert: klein, sofort, sichtbar
Die meisten Punktepläne scheitern nicht an der Idee, sondern an den Details. Drei Dinge machen den Unterschied.
- Klein: Wenige Schritte auf dem Plan, drei bis fünf reichen. Lieber ein kleines Ziel, das nach ein paar Tagen erreicht ist, als ein großes, das nach drei Wochen in weiter Ferne liegt.
- Sofort: Der Punkt kommt direkt nach dem Schritt, nicht abends beim Rückblick. Für jüngere Kinder ist der Abend eine Ewigkeit entfernt.
- Sichtbar: Der Plan hängt dort, wo der Schritt passiert. Für die Zähne im Bad, für die Tasche im Flur.
Formuliere die Schritte so, dass dein Kind sie selbst erkennt: „Schlafanzug unter das Kissen“ statt „Zimmer ordentlich halten“. Ob ein Schritt geschafft ist, soll keine Verhandlungssache sein.
Teilschritte zählen
Ein häufiger Fehler: Punkte gibt es nur, wenn alles fertig ist. Dann bringt ein fast geschaffter Morgen genauso wenig wie ein misslungener. Für ein Kind, das sich angestrengt hat, fühlt sich das ungerecht an.
Teile größere Aufgaben in Schritte und gib für jeden Schritt einen Punkt. Hat dein Kind zwei von drei Schritten geschafft, bekommt es zwei Punkte. So lohnt sich jeder Anfang. Die Teselora App zählt Teilschritte genauso.
Bei jüngeren Kindern passt ein Stern zum Ausmalen besser als eine Zahl. Auf dem Punkteplan zum Ausdrucken weiter unten hat jeder Schritt für jeden Tag seinen eigenen Stern.
Warum Punkte nicht abgezogen werden
Punkte abzuziehen ist verlockend, wenn etwas schiefgeht. Es macht den Plan aber schnell kaputt. Ein Kind, das am Dienstag fünf Punkte gesammelt und am Mittwoch drei verloren hat, erlebt den Plan als Strafe. Die Freude am Sammeln ist weg.
Trenne deshalb zwei Dinge sauber: Der Punkteplan zählt, was geklappt hat. Was nicht geklappt hat, besprecht ihr getrennt davon, ohne Punkte. Ein Stern, der einmal ausgemalt ist, bleibt ausgemalt.
Das heißt nicht, dass alles egal ist. Regeln und Grenzen gelten weiter, sie haben nur nichts mit den Punkten zu tun. Klare Regeln geben Kindern Halt, ständige Kritik dagegen vergiftet das Klima, schreibt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, Kinder gut erziehen).
Gute Belohnungen: gemeinsame Zeit vor Sachen
Die beste Belohnung kostet oft nichts: Zeit mit dir. Zehn Minuten ein Spiel nach Wahl, gemeinsam Pfannkuchen backen, eine Extra-Geschichte am Abend. Solche Belohnungen nutzen sich kaum ab und machen beiden Freude.
- Ein Spiel zu zweit, das dein Kind aussucht, zum Beispiel Gefühle raten oder Ich packe meinen Koffer.
- Zusammen etwas Besonderes machen: Picknick im Wohnzimmer, Taschenlampen-Spaziergang, Fahrradtour.
- Ein kleines Vorrecht: das Abendessen aussuchen, beim Einkaufen den Wagen schieben.
- Bei größeren Zielen auch mal eine Sache, die ihr vorher zusammen auf die Wunschliste geschrieben habt.
Süßigkeiten eignen sich als Belohnung schlecht. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit rät davon ab, Essen als Belohnung, Trost oder Strafe einzusetzen, weil Kinder diese Verknüpfung verinnerlichen (BIÖG, Lebensmittel sind keine Erziehungsmittel). Bildschirmzeit als Belohnung macht den Bildschirm zum wertvollsten Gut im Haus. Beides lieber weglassen.
Pause statt Abbruch
Ferien, Krankheit, Besuch bei den Großeltern: Es gibt Zeiten, in denen der normale Ablauf nicht gilt. Dann ist es besser, den Plan bewusst zu pausieren, als ihn einfach liegen zu lassen.
Sag deinem Kind, dass der Plan Pause macht und die gesammelten Punkte nicht verfallen. Nach der Pause geht es dort weiter, wo ihr aufgehört habt. Ein Plan, der einfach einschläft, fühlt sich für Kinder an wie ein gebrochenes Versprechen.
Wann und wie man wieder aufhört
Ein Punkteplan soll sich überflüssig machen. Wenn ein Schritt seit zwei, drei Wochen von selbst klappt, nehmt ihn vom Plan. Feiert das ruhig: Der Schritt ist jetzt einfach Teil des Tages.
- Den sichersten Schritt vom Plan nehmen und einen neuen, schwierigeren dazunehmen, oder einfach nichts ersetzen.
- Die Abstände strecken: statt eines Punktes pro Schritt einen pro Tag, dann einen pro Woche.
- Den Plan zusammen abhängen, wenn alle Schritte sitzen. Eine letzte gemeinsame Belohnung macht den Abschluss schön.
Lob in Worten darf bleiben, auch wenn der Plan längst weg ist. Es wirkt dann am besten, wenn es ehrlich ist und die Mühe benennt statt das Kind als Ganzes (Henderlong & Lepper 2002).
Punkteplan zum Ausdrucken
Den Punkteplan gibt es kostenlos zum Ausdrucken weiter unten. Oben stehen sieben leere Felder für die Wochentage, links fünf Felder für die Schritte. In jedem Feld wartet ein Stern zum Ausmalen. Ein Feld zum Abziehen gibt es nicht.
Unten ist Platz für die Wunschliste. Schreibt oder malt zusammen auf, was sich dein Kind wünscht und wie viele Sterne es dafür braucht. Fangt mit einem kleinen Wunsch an, der nach drei, vier Tagen erreicht ist.
Für und Wider ehrlich
Ein Punkteplan macht Erfolge sichtbar, gibt Gesprächen eine freundliche Richtung und kann den Start in neue Abläufe erleichtern. Er bringt aber auch Pflege mit sich: Jemand muss die Punkte geben, Wünsche einlösen und den Plan wieder abbauen.
Für manche Kinder ist ein Plan nichts, weil sie das Zählen stresst oder weil sie lieber ohne Punkte mitmachen. Das ist in Ordnung. Ein Belohnungssystem ist ein Werkzeug, kein Muss. Wenn es eurer Familie mehr Streit als Ruhe bringt, lasst es weg.
Zum Ausdrucken
Punkteplan für eine WocheSieben Tagesfelder, fünf Felder für Schritte, in jedem Feld ein Stern zum Ausmalen. Unten die Wunschliste mit Geschenk.
Kostenlos und ohne Anmeldung. Jedes Blatt passt auf A4.
Passende Übungen
- 29Gefühle ratenGanze Anleitung in der SpielemappeEin Gefühl ohne Worte vorspielen, der andere rät.
- 30Statuen-PosenGanze Anleitung in der SpielemappeEinfache Posen halten, fünf ruhige Atemzüge lang.
- 26Ich packe meinen KofferGanze Anleitung in der SpielemappeJeder wiederholt die ganze Liste und hängt ein Ding an.
- 22Simon sagtGanze Anleitung in der SpielemappeNur mitmachen, wenn der Satz mit „Simon sagt“ anfängt.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter ist ein Punkteplan sinnvoll?
Ab etwa drei Jahren, mit wenigen Schritten und Sternen statt Zahlen. Jüngere Kinder brauchen die Belohnung sehr bald nach dem Schritt. Schulkinder können auf ein Ziel über mehrere Tage hinarbeiten und die Wunschliste selbst mitgestalten.
Was, wenn Geschwister unterschiedlich viele Punkte haben?
Jedes Kind bekommt seinen eigenen Plan mit eigenen Schritten. Vergleiche zwischen Geschwistern helfen niemandem. Eine gemeinsame Belohnung für alle, etwa ein Ausflug, wenn jeder sein Ziel erreicht hat, macht aus Konkurrenz Zusammenarbeit.
Wie viele Punkte sollte eine Belohnung kosten?
Am Anfang wenige. Der erste Wunsch soll nach drei, vier Tagen erreicht sein, damit dein Kind erlebt, dass der Plan funktioniert. Danach dürfen größere Wünsche mehr kosten. Kleine Wünsche bleiben trotzdem auf der Liste.
Zum Weiterlesen
Quellen
- Deci, Koestner & Ryan (1999): Meta-Analyse zu Belohnungen und intrinsischer Motivation, Psychological Bulletin
- Cameron, Banko & Pierce (2001): Rewards and intrinsic motivation, The Behavior Analyst
- Henderlong & Lepper (2002): The effects of praise on children's intrinsic motivation, Psychological Bulletin
- BIÖG: Kinder gut erziehen, kindergesundheit-info.de
- BIÖG: Lebensmittel sind keine Erziehungsmittel, kindergesundheit-info.de